Sport : Der lange Lauf

Cottbus steht vor der Rückkehr in die Bundesliga

Stefan Hermanns[Cottbus]

Am Ende folgte Gregg Berhalter noch einmal seinem Instinkt als Abwehrspieler. Es lief bereits die Nachspielzeit, doch Berhalter spurtete in maximalem Tempo dem weit enteilten Stürmer hinterher. „Ich wollte auch noch den letzten Zweikampf gewinnen“, scherzte der Kapitän von Energie Cottbus. Zum Glück tat er es nicht. Es hätte auch ein bisschen komisch ausgesehen, wenn Berhalter dem eigenen Mitspieler Sergiu Radu in die Beine gegrätscht wäre. Zu dritt sprinteten die Cottbuser auf das leere Tor des FC Hansa Rostock zu, kein Rostocker war weit und breit, auch Torhüter Schober nicht, der in den gegnerischen Strafraum geeilt war. Und so musste Radu, der schon das 1:0 erzielt hatte, den Ball nur zum 2:0- Endstand über die Linie schieben.

Es war ein langer Lauf zur Entscheidung, und so ähnlich könnten die Cottbuser am Ende auch die gesamte Zweitligasaison empfinden: als langen Lauf in Liga eins. Während Rostock am Donnerstag die letzte Chance auf den Wiederaufstieg in die Fußball-Bundesliga verspielte, hat Energie den Abstand auf einen Nicht-Aufstiegsplatz erst einmal auf sechs Punkte vergrößert. Seit dem 26. Spieltag liegen die Cottbuser nun auf Platz drei, und selbst wenn sie in einer Woche beim Vierten Greuther Fürth verlieren, würden sie dank der besseren Tordifferenz in den Aufstiegsrängen bleiben. „Jeder, der die Tabelle lesen kann, weiß, dass wir eine gute Ausgangsposition haben“, sagt Trainer Petrik Sander. „Das Gute ist, dass sich jetzt alle nach uns richten müssen.“

Für seine Verhältnisse war das schon ein gewagtes Bekenntnis. Sander hat sich zuletzt einen Spaß daraus gemacht, das A-Wort nicht auszusprechen; seine Zurückhaltung hat jedoch einen ernsten Hintergrund: Vor zwei Jahren, als Sander noch Kotrainer von Eduard Geyer war, lagen die Cottbuser nach dem 30. Spieltag vier Punkte vor Platz vier, trotzdem schafften sie den Aufstieg in die Bundesliga nicht. Das späte Scheitern und seine Folgen hätten den Verein fast die Existenz gekostet. Trainer, Manager und Präsident, die Garanten des ersten Aufstiegs im Jahr 2000, gingen den Cottbusern in den Wirren verloren, und am Ende blieb der Klub nur dank der um ein Tor besseren Tordifferenz in der Zweiten Liga. Angesichts der Turbulenzen, die der Verein seit dem Herbst 2004 erlebt hat, grenzt es an ein Wunder, dass Energie für die kommende Saison zweigleisig planen kann. Der Etat für die Zweite Liga beträgt zehn Millionen Euro, für die Erste wären es 19 Millionen. „Einen Maradona können wir uns nicht kaufen“, sagt Manager Ralf Lempke.

Doch die Cottbuser haben längst gelernt, das Beste aus ihrer Situation zu machen. Präsident Michael Stein sagt: „Mit dem wenigen Geld müssen wir gut haushalten.“ Selten hat dies besser funktioniert als vor dieser Saison. Allein die drei ablösefrei verpflichteten Profis Radu, Kioyo und McKenna haben 29 der 45 Tore erzielt. Nicht nur wegen seiner Transferpolitik bescheinigt Stein Trainer Sander eine sensationelle Leistung: „Wenn es in den Höhepunkt gipfelt, ist das auf der gleichen Stufe einzuordnen wie das Wunder, das Eduard Geyer vollbracht hat.“

Sander hat die Mannschaft nach seinem Bild geformt: Sie spielt ruhig und entschlossen zugleich. Vor allem glaubt sie an die eigene Stärke. Das 2:0 gegen Hansa war bereits das 13. Spiel ohne Gegentor. „Wir haben diese Position verdient“, sagt Kapitän Berhalter. „Wir sind schon das ganze Jahr über sehr stabil.“ Auch gegen Rostock ließ sich die Mannschaft nicht irritieren, weder von der zähen Anfangsphase noch vom traditionellen Aussetzer ihres Torhüters Tomislav Piplica. Beim Stand von 0:0 vertändelte Piplica kurz vor dem eigenen Strafraum den Ball, rettete anschließend aber mit einer Fußabwehr. „Wir kennen ihn so“, sagte Sander. „Es bringt nichts, von ihm zu fordern: Stell das ab! Das ist so, als wenn ich zu ihm sage: Geh zum Frisör!“

0 Kommentare

Neuester Kommentar