Sport : Der laufende Chef

Gebrselassie ist auch als Unternehmer erfolgreich

Frank Bachner

Diesmal hat keiner eine Tafel dabei. Haile Gebrselassie kann keine Traumzeit aufschreiben und lachend in die Kameras halten. 2007 hatte er noch 2:03 Stunden notiert. 2:03 beim Berlin-Marathon, das war sein Traum. Der Äthiopier lief dann 2:04:26 Stunden, das war immer noch Weltrekord. Aber diesmal, am Freitag in einem Berliner Hotel, gibt er den Journalisten keine Zeit vor, diesmal sagt er nur, dass er gewinnen wolle. Weil Berlin so einen schnellen Kurs habe, und die Atmosphäre in Deutschland so toll sei. In Berlin sowieso, sagt er, aber als er auf dem Frankfurter Flughafen seinen Pass zeigte, da haben ihm zwei Beamte stolz erzählt, dass sie am Sonntag auch in Berlin laufen werden. Sie haben ihn also sofort erkannt, das hat die Legende aus Addis Abeba schwer beeindruckt. „Ich finde das toll“, sagt Gebrselassie. Außerdem hat er sich bei den Olympischen Spielen geschont, da lief er wegen der schlechten Luft in Peking nur 10 000 Meter. Er wollte eine Medaille, aber wurde dann nur Sechster. Egal, „ich bereue es nicht, dass ich auf den Marathon verzichtet habe“, sagt der 35-Jährige. Er will notfalls „bis 2016 laufen“, er hat Zeit.

Aber vielleicht überschätzt er sich da. Der Weltklasse-Läufer Gebrselassie ist auch Unternehmer, „und die Doppelbelastung ist nicht ganz einfach“. Schön gesagt von einem, der 400 Angestellte hat, dem ein Kinokomplex gehört, der gerade außerhalb von Addis Abeba ein großes Hotel hochzieht, in das er Touristen locken will, weil er nicht einsieht, dass die reichen Leute nach Kenia zur Safari fahren und Äthiopien links liegen lassen. Und dann gehört ihm auch noch ein Fitnessstudio mit modernsten Geräten. Das alles hat nichts mehr mit dem Jungunternehmer Gebrselassie zu tun, der vor ein paar Jahren für äthiopische Kinder Schulen baute.

Inzwischen taucht Gebrselassie nach seinem Frühtraining im Anzug in seinem Büro auf, wo oft schon seine Frau sitzt. Die ist zugleich seine Geschäftspartnerin. Sein Bruder ist Bauunternehmer, er hat das Haus der äthiopischen Weltklasseläuferin Gete Wami errichtet.

Die High-Tech-Geräte für sein Fitnessstudio bestellte er, nachdem er mal in Italien in einem Studio trainiert hatte und dessen Ausstattung bewunderte. Anschließend besuchte der Athlet den Hersteller von Fitnessgeräten und bestellte vor Ort die modernsten Exemplare für sein Studio. An Kunden mangelt es ihm dort genauso wenig wie in seinen Kinos.

Natürlich profitiert Gebrselassie von seiner ungeheuren Popularität. Eine äthiopische Zeitung wählte ihn 2007 zu „Äthiopiens Sportler des Jahrtausends“. Das war noch zu erwarten, aber dass ihn das Blatt bei der Wahl von „Äthiopiens Unternehmer des Jahrtausends“ auf Platz drei setzte, das überraschte im ersten Moment denn doch. Andererseits: Das passt auch wieder ins Bild des Volkshelden. Als Gebrselassie im November 2007 in seinem landesweit allseits bekannten Mercedes durch Addis Abeba fuhr, sah er im Rückspiegel wie eine andere Limousine wild die Lichthupe einsetzte. Nachdem er gehalten und zum anderen Fahrzeug gegangen war, gratulierte ihm dessen Fahrerin zu seinem Marathon-Weltrekord – es war die Frau des äthiopischen Premiers.

Mitunter verblüfft aber auch Gebrselassie seine Umwelt. In Amsterdam wurde er kurz vor einer Pressekonferenz in einem Hotel in einen Raum geführt, in dem ein Klavier stand. Plötzlich setzte sich der Athlet davor und spielte zur Überraschung eines Begleiters gekonnt auf den Tasten. In Addis Abeba besitzt Gebrselassie sogar eine große Orgel, auf der er selbstversunken äthiopische Lieder spielen kann. Unterrichtet hat ihn niemand, er hat sich alles selber beigebracht.

Der Unternehmer Gebrselassie hatte sogar schon so viel Stress, „dass ich kaum Zeit zum Essen hatte“. Das konnte so natürlich nicht weitergehen. Jetzt zwingt sich Gebrselassie immerhin, „dass ich zwischendurch einen Imbiss nehme“.

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