Sport : Der Lehrmeister

Die ungewöhnlichen Methoden des Trainers Pierre Pagé bringen die Eisbären nach vorn

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Von Claus Vetter

Berlin. Pierre Pagé hat einen Stapel loser Zettel vor sich ausgebreitet. Er fängt an zu kritzeln. Ein großes Oval hier, dann dort noch ein paar Pfeile und Striche. Der Blick auf das Papier offenbart: Ein großer Zeichner ist der kanadische Eishockeylehrer nicht. Eine Pferderennbahn soll es sein, erklärt Pagé. „Wir sind mit den Eisbären etwa hier", sagt Pagé. Nicht mal ein Viertel des Weges ist geschafft. „Das ist schlecht“, sagt der Trainer des Tabellenführers der Deutschen Eishockey-Liga seinen verblüfften Zuschauern. „Doch jetzt kommt im Vergleich zum Pferderennen das Gute. 30 Punkte haben wir nach 12 Spielen schon und die kann uns auf der Zielgeraden keiner mehr abnehmen."

Seit der 54-jährige Pagé Trainer beim EHC Eisbären ist, ist vieles in Bewegung gekommen bei dem Verein aus Berlin-Hohenschönhausen, der einst eher an ein beschauliches Familienunternehmen als an einen modernen Profi-Klub erinnerte. Sportlich sind die Berliner erfolgreich wie seit Jahren nicht mehr. Das erfreut den nordamerikanischen Klubeigner Philip Anschutz, die Verantwortlichen in Berlin und die Fans. Pagé beeindruckt es weniger. Der Zettel ist voll, trotzdem, da fehlt doch noch ein Extrakringel. Pagé malt ihn flink: „Die Play-offs. Bis dahin ist es noch viel Zeit. Wenn wir da etwas erreichen wollen, müssen wir uns noch mächtig steigern."

Steigern? Mehr als momentan geht doch kaum. Der Vizemeister Mannheimer Adler jedenfalls reist am Sonntag zum Spitzenspiel der DEL ins Sportforum Hohenschönhausen (Spielbeginn 18.30 Uhr), nicht mehr als Favorit an wie zuletzt immer. Mannheims Coach Bill Stewart hat wie seine Kollegen in der DEL großen Respekt vor seinem Landsmann Pagé. Unlängst hat Stewart den Berliner sogar mal gefragt, ob er ihm demnächst mal einen Job in der nordamerikanischen Profiliga NHL vermitteln kann. Schließlich war Pagé 20 Jahre in der NHL als Trainer und Manager tätig. 1988 stand er mit den Calgary Flames sogar im Finale um den Stanley Cup. Solche Meriten verschaffen im Eishockey Respekt, auch bei den Spielern des EHC Eisbären. „In Kanada ist Pierre Pagé berühmt", sagt Stürmer Mark Kosick. „Wie? Nur in Kanada?", scherzt Pagé.

Sobald die Kabinentür verschlossen ist, versprüht der redegewandte Trainer-Akademiker weit weniger Humor. Widerworte gibt es bei Pierre Pagé nicht. Wer zu spät zum Training kommt, darf sich eine Woche lang in aller Herrgottsfrühe bei ihm per Telefon melden. „Pierre erwartet eben Disziplin", sagt Peter John Lee, der Manager der Eisbären. „Von sich und von anderen. Der sitzt schon morgens um sieben vorm Videorekorder und schaut sich Spielaufzeichnungen an." Lee weiß, dass die Verpflichtung Pagés im Januar ein Glücksfall für die Eisbären war. Seinerzeit war Pagé in der Schweiz gerade arbeitslos geworden. Beim HC Ambri-Piotta hatte ihm das Glück gefehlt. „Ich glaube, die Kombination Pagé und Eisbären kam zum richtigen Augenblick", sagt Peter John Lee.

Dabei hätte sie fast schon ein frühes Ende nehmen können. Im Mai, bei der Weltmeisterschaft in Schweden, vertraute Pagé in einem Göteborger Cafe einem Spielerbeobachter der New York Rangers an, dass er doch wieder in der NHL arbeiten möchte. Jener Herr von den New York Rangers hatte übrigens ausgerechnet einst den Spieler Peter John Lee für die NHL entdeckt. Eine merkwürdige Situation, schließlich hatte Pagé zwei Tage zuvor bei den Eisbären einen Zwei-Jahres-Vertrag unterschrieben. Und da ließ Lee nicht mehr mit sich reden. Der Eisbären–Manager war erleichtert, dass Pagé schon unterschrieben hatte. Mit dem Frankokanadier hat Lee nun einen Partner, der noch ausdauernder als er selbst über seinen Lieblingssport referieren kann. Pagé bringt produktive Unruhe in die lange doch eher professionell kühl als innovativ geführte DEL. Auf dem Eis hat Pagé in dieser Saison bewiesen, dass ein Team auch mit jungen deutschen Spielern erfolgreich sein kann und nicht nur mit international erfahrenen Ausländern. So sehr, dass kürzlich selbst Hans Zach zum Lehrling wurde. Als der Bundestrainer mit seinen Kölner Haien unlängst im Sportforum gastierte, gewannen die Berliner mit 4:1. Im Tor der Eisbären stand nicht der erste Keeper Richard Shulmistra, sondern der 23-jährige Oliver Jonas. Hans Zach, der immer so viel von der Nachwuchsförderung redet, ließ bei den Haien derweil den als noch talentierter geltenden Leonard Wild auf der Bank sitzen. Im Tor stand der Amerikaner Chris Rogles.

Ausgerechnet ein Kanadier bemüht sich um den deutschen Nachwuchs? Das hat es in der DEL so noch nicht gegeben: 34 Spieler hat Pierre Pagé inzwischen lizenziert, davon sind elf Deutsche unter 23 Jahren. Pagé rekrutiert einen nach dem anderen. „Wir haben schon keine vorgefertigten Trikots mit Nummern mehr übrig", sagt Eisbären-Sprecher Moritz Hillebrand. Kürzlich sagte Pagé, er glaube, dass die deutschen Spieler in der DEL in ein paar Jahren besser seien als Spieler aus Eishockeynationen wie Kanada oder Schweden. „Viele deutsche Spieler haben eine gute Mentalität", sagt Pagé. „Die rackern sich ab. Wenn man ihnen eine Chance gibt und an ihren spielerischen Qualitäten feilt, dann können sie sehr gut werden.“ Einen seiner Eisbären lobt er besonders: „Sven Felski kann der beste Defensivstürmer in Europa werden."

Solche Ausführungen Pagés haben den einen oder anderen mehr amüsiert als beeindruckt. Peter John Lee nicht. „Viel zu lange war das deutsche Eishockey ein einziges Krisenmanagement“, sagt der Manager. „Wir brauchen in der DEL Menschen mit Visionen.“ Und Lee hat auch nicht gelacht, als Pagé ihm von seinem neuesten Plan erzählt hat. Der Traum des Trainers ist ein Eishockey-Spiel im Berliner Olympiastadion, vor 80 000 Zuschauern. Das ist keine exklusive Idee Pagés: Im US-Bundesstaat Michigan verfolgten in diesem Jahr 76 000 Zuschauer ein Spiel zweier College-Teams. Das war die Weltrekordkulisse für ein Eishockeyspiel. Wenn es nach Pagé geht, soll sie es nicht bleiben. Auch wenn der Gedanke an Eishockey im Olympiastadion im Moment vielleicht ebenso abstrus erscheint wie Fußball auf dem Mond: Pagé hat mit seinen Eisbären noch nicht mal ein Viertel auf seiner Rennstrecke zurückgelegt.

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