Sport : Der Leipziger Patient

Sportbund-Chef von Richthofen spricht es als Erster aus: Wackelt Tiefensee, fällt die Olympiabewerbung

Robert Ide

Leipzig. An der Tür des Olympiabüros im Leipziger Rathaus hängt ein Plakat, das eigentlich Mut machen soll. „Die Quelle alles Guten liegt im Spiel“, steht dort auf buntem Untergrund. Es ist ein Spruch des Pädagogen Friedrich Wilhelm August Fröbel aus dem 19. Jahrhundert. Genau an jenem Plakat vorbei hastete am Wochenende Burkhard Jung, der entlassene Olympiabeauftragte Leipzigs. Ohne Kommentar trieb es ihn hinaus aus seinem Büro, mit wehendem Jackett verließ der einstige Hoffnungsträger der Stadt das Rathaus. Jung musste seinen Arbeitsplatz räumen angesichts des Skandals um ungerechtfertigte Provisionszahlungen aus Steuergeldern, die er mit seiner Unterschrift genehmigt hatte. Von Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee, der den Nachwuchspolitiker einst gefördert hatte, bekam Jung daraufhin ein „Verbot der Amtsausübung“ erteilt. Nach dieser Maßnahme muss nun Tiefensee selbst um sein Amt kämpfen – und mit ihm ringt der Sport um die deutsche Kandidatur für Olympia 2012.

Nach den neuerlichen Erschütterungen gibt es bei Politikern und Sportfunktionären ernsthafte Zweifel am Sinn der Bewerbung. Wie berichtet, wurde bei der Vollversammlung des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) in Leipzig am Wochenende offen über den Rückzug spekuliert. Die Olympischen Spiele als Quelle des Guten – diese Zeiten sind in Leipzig längst vorbei.

„Das macht alles keinen Spaß mehr“, sagt Dieter Graf Landsberg-Velen, während er die Treppen zum Versammlungssaal im Rathaus emporsteigt. Der 77-Jährige ist einer der erfahrensten Sportpolitiker im Land, doch solchen Kummer hat er selten erlebt. Nun fragt sich der NOK-Vizepräsident: „Was passiert eigentlich noch alles?“ Landsberg- Velen macht sich nicht nur Sorgen um die durch Rücktritte und Skandale ramponierte Bewerbung, sondern auch über die mehr und mehr zu Tage tretende Zerrissenheit des Sports. „Ich habe zur Kenntnis genommen, dass hier Leute offen darüber spekulieren, die Reißleine zu ziehen“, sagte Landsberg-Velen und schüttelte verständnislos den Kopf. Mit diesen „Leuten“ war vor allem einer gemeint: Manfred von Richthofen, der Präsident des Deutschen Sportbundes.

Richthofen hatte sich am Wochenende öffentlich von der Olympiabewerbung abgesetzt. In Erwartung neuer Enthüllungen durch Medien und Ermittlungsbehörden, die schließlich Leipzigs Oberbürgermeister Tiefensee den Posten kosten könnten, sagte von Richthofen: „Wenn nicht alle Schmuddeleien auf den Tisch kommen, werden wir die Reißleine ziehen.“ Intern ließ er erkennen, dass er sich eine Leipziger Bewerbung ohne Tiefensee nicht vorstellen könne.

Von Richthofen, der seit Jahren mit Geschick seine Position als wichtigster Sportfunktionär der Republik verteidigt, stellt sich damit gegen das NOK und dessen Präsidenten Klaus Steinbach. Der hält, trotz öffentlicher Aufforderung an Tiefensee, „alle Vorwürfe rückhaltlos aufzuklären“, an der Olympiabewerbung fest. Denn mit dem Ausgang von Leipzigs Kandidatur ist auch sein Schicksal als NOK-Chef eng verbunden.

Steinbach, der erst seit einem Jahr an der Spitze des Sportverbandes steht, stellte sich am Wochenende in Leipzig demonstrativ mit Tiefensee gemeinsam vor die Fernsehkameras. „Solange ein Patient nicht tot ist, werde ich alles für seine Heilung tun“, sagt der studierte Chirurg. Damit bricht der Konflikt zwischen der Führung des NOK und dem Deutschen Sportbund nun am Beispiel Leipzigs offen auf. Bereits bei dem zuletzt öffentlich ausgetragenen Streit um einen möglichen Umzug des NOK von Frankfurt am Main nach Berlin hatte von Richthofen die Konfrontation mit Steinbach gesucht.

Steinbach hatte einen Umzug favorisiert, um den Kontakt seines Sportverbandes zur Bundespolitik auszubauen und ihn vom Sportbund zu emanzipieren. Von Richthofen, dessen Verband mit dem NOK in einem Gebäude in Frankfurt am Main residiert, organisierte hinter den Kulissen den internen Widerstand mit und stellte sich öffentlich gegen den Umzug. „Wenn Herr Steinbach diese Abstimmung verliert, dann wackelt natürlich sein Stuhl“, drohte von Richthofen im Tagesspiegel. Steinbach zog schließlich die Abstimmung über den Umzug zurück.

Nun versucht von Richthofen, sich zunehmend bei Olympia einzuschalten. In einem Sechs-Augen-Gespräch mit Tiefensee und Steinbach drängte er Leipzigs Oberbürgermeister, demnächst bei den Konferenzen der Landessportbünde aufzutreten. „Ohne unsere Vereine hat die Olympiabewerbung keine Chance“, sagte von Richthofen. Hochrangige NOK-Funktionäre entgegnen: „Der Kollege von Richthofen will sich seine politische Spielwiese nicht wegnehmen lassen.“ In der Bundespolitik kommt der neue Streit innerhalb des Sports nicht gut an. „Dass Herr von Richthofen Ärger macht, hat uns noch gefehlt“, heißt es aus Regierungskreisen.

Eines immerhin haben die Sportfunktionäre gemeinsam: Sie sind machtlos, was Tiefensees politischen Überlebenskampf angeht. Sollte Leipzigs Oberbürgermeister von den unlauteren Provisionsgeschäften gewusst haben oder sollten weitere dubiose Rechnungen in seinem Haus auftauchen, bliebe ihm wohl nur der Rücktritt. „Bei Olympia gibt es genügend leere Stühle, die neu besetzt werden müssen“, sagt von Richthofen. Wenn aber der oberste Repräsentant der Bewerbung ebenfalls stürzt, wird diese Suche wohl eingestellt. Dann werden sich weitere Sportfunktionäre öffentlich für einen Rückzug der Bewerbung aussprechen. Damit wäre wohl auch NOK-Chef Steinbach nur schwer zu halten. Und Manfred von Richthofen hätte es als Erster gewusst.

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