Sport : Der Letzte beißt Bremen

Gladbachs Stürmer Nando Rafael erzielt in der Nachspielzeit das 2:2 gegen den SV Werder

Stefan Hermanns[Mönchengladbach]

Die Gefahr kam von der linken Seite. Sie trug das Trikot mit der Nummer 17, hörte auf den Namen David Degen und strahlte eine gewisse Entschlossenheit zum Torschuss aus. Man kennt das ja bei Mannschaften, bei denen so wenig läuft wie bei Borussia Mönchengladbach: Jeder will es besonders gut machen, jeder will selbst schießen, dann trifft der eine Mitspieler den Fuß des anderen, und der Ball rollt ins Toraus. Es lief die letzte Minute der Nachspielzeit, als Federico Insua von der Mittellinie einen Freistoß an den Bremer Strafraum schlug. Steve Gohouri verlängerte den Ball per Kopf, und dann behauptete sich Nando Rafael sehr erfolgreich gegen die Avancen seines Kollegen Degen. Aus spitzem Winkel schoss er den Ball an Verteidiger Naldo und Torhüter Tim Wiese vorbei zum 2:2-Endstand ins Bremer Tor. „Da hat die Mannschaft sich selber belohnt“, sagte Borussias Trainer Jos Luhukay. Gladbach bleibt zwar Tabellenletzter der Fußball-Bundesliga, verhinderte durch den späten Ausgleich aber den Ausbruch einer Spätwinterdepression.

Die Bremer hingegen verpassten nicht nur die Chance, ihre jüngste Krise zu beenden, sie versäumten es auch, sich mit einem Sieg nachdrücklich im Kampf um die Meisterschaft zurückzumelden. Erst in der 84. Minute hatte der eingewechselte Jurica Vranjes mit einem Distanzschuss das 2:1 für Werder Bremen erzielt. Kurz darauf wurde im Borussia-Park die Führung der Leverkusener beim Tabellenführer Schalke vermeldet. „Es wäre vielleicht das falsche Zeichen gewesen, nach einer solchen Leistung wieder mittendrin im Meisterschaftskampf zu sein“, sagte Bremens Sportdirektor Klaus Allofs. Immerhin: „Größer geworden ist die Krise nicht.“ Viel kleiner allerdings auch nicht.

Trainer Thomas Schaaf erlebte seine Mannschaft zwar verbessert, „aber das war noch nicht das Gelbe“. Den Bremern fehlt immer noch die Leichtigkeit, mit der sie in der Vorrunde minderbemittelte Teams in ihre Einzelteile zerlegt haben. Zweimal gingen sie gestern gegen den Tabellenletzten in Führung, und trotzdem reichte es nicht zum Sieg. In der elften Minute traf Pierre Womé mit einem Schuss aus 30 Metern zum 1:0, doch schon sechs Minuten später gelang Michael Delura nach einem feinen Pass von Peer Kluge der Ausgleich.

Die Gladbacher kompensierten ihre spielerische Unterlegenheit durch erhöhten Einsatz. Schon nach 35 Sekunden grätschte Spielmacher Insua Peter Niemeyer an der Seitenlinie ab. Es gab zwar Einwurf für Bremen, aber auch tosenden Applaus von den Rängen. Die Gladbacher Spieler haben zuletzt nicht immer nur positive Erfahrungen mit der Leidenschaft ihres Anhangs gemacht. Beim Abschlusstraining hatten hundert Fans bengalische Fackeln und Feuerwerkskörper gezündet. „Die Jungs waren sehr irritiert“, sagte Sportdirektor Peter Pander. „Ich frage mich, was das Nächste ist.“

Allzu verunsichert wirkten die Gladbacher anfangs nicht. Schon nach fünf Minuten hatte Rafael die Chance zur Führung. Sein Schuss ging knapp am langen Pfosten vorbei. „Nando war im Training unglaublich willig und fleißig“, sagte Trainer Luhukay. Deshalb durfte er für den grippekranken Kahe spielen, der Belgier Wesley Sonck gehörte trotz der bekannten Sturmschwäche nicht einmal dem Kader an. „Wir sind keine Truppe, in der jeder sein eigenes Ding macht“, sagte Sportdirektor Pander. Zumindest dann nicht, wenn Sonck aus der Mannschaft verbannt ist.

Allem Engagement zum Trotz wäre es für die Gladbacher trotzdem beinahe schief gegangen. Mitte der zweiten Halbzeit schienen ihnen die Kräfte zu schwinden. „Die standen nur hinten drin“, sagte der Bremer Torwart Tim Wiese. „Die konnten ja gar nicht mehr.“ Aber die Bremer sind derzeit nicht in der Lage, solche Vorlagen zu nutzen. Ihnen mangelt es an Souveränität, vor allem den Stürmern ist die Verunsicherung anzumerken. Werders Tore erzielten ein Verteidiger und ein Mittelfeldspieler, beide aus weiter Entfernung. „Normalerweise haben wir da jemanden aus dem Sturm“, sagte Klaus Allofs. Zumindest war das früher einmal so.

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