Sport : Der letzte Charakter

Thomas Haas unterliegt im Finale von Hamburg – und fühlt sich trotzdem wie ein Gewinner.

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Nicht wuchtig genug. Thomas Haas unterlag trotz eines harten Kampfs. Foto: dapd
Nicht wuchtig genug. Thomas Haas unterlag trotz eines harten Kampfs. Foto: dapdFoto: dapd

Thomas Haas hatte während der vergangenen Turniertage am Hamburger Rothenbaum eine gewisse Anspannung gespürt. Es war eine andere innere Unruhe, als er sie von 16 Jahren auf der Tennistour kannte. „Das wird jetzt spannend, ob ich es noch schaffe oder nicht“, sagte Haas. Und er meinte damit den Besuch des Hauses in der Weidenallee 45 in Eimsbüttel, jenem Ort, an dem er aufgewachsen war und den er so unbedingt wiedersehen wollte. Dass Haas den kleinen Abstecher in die Vergangenheit bisher immer weiter aufschieben musste, lag einzig daran, dass ihm die Gegenwart dafür keine Zeit ließ. Er spielte einfach zu gut am Rothenbaum, sogar so gut wie nie zuvor beim größten und traditionsreichsten deutschen Turnier. Zum ersten Mal hatte es Haas in seiner Geburtsstadt bis ins Finale geschafft, und dieser Moment hatte ihn „tierisch stolz und glücklich“ gemacht. Doch überbieten vermochte Haas dieses Hochgefühl nicht mehr, denn am Sonntag traf er in Juan Monaco auf einen, der derzeit auf Sand stärker spielt. Haas unterlag dem Argentinier in einer bissig geführten Partie mit 5:7 und 4:6.

Dennoch wirkte Haas nicht wie ein Verlierer, so fühlte er sich auch nicht. „Ich bin stolz und enttäuscht“, sagte er, „aber ich fühle mich diese Woche wie ein Sieger.“ Er hatte alles versucht, und die 7000 Fans im Hamburger Stadion feierten ihn in jeder Phase so lautstark, als wollten sie ihn mit ihrer Euphorie zum Sieg tragen. „Ihr wart Spitzenklasse“, sagte Haas später in Richtung Publikum. Ich habe nicht gedacht, dass ich das noch einmal erleben darf.“

Mit seinen 34 Jahren ist Haas inzwischen fast schon milde geworden, und er genießt die Momente auf dem Platz weit mehr, als ihm das früher gelang. Besonders jene vor heimischer Kulisse. Und die Hamburger hatten Haas nach seiner sechsjährigen Abstinenz sogar noch mehr ins Herz geschlossen. „Dieser Titel hier hätte mir so viel bedeutet“, sagte er etwas wehmütig. Vor 15 Jahren, bei seinem Debüt am Rothenbaum erreichte Haas das Halbfinale, weiter kam er seither nicht mehr. Damals war er 19 Jahre alt, schlug in Carlos Moya seinen ersten Top-Ten-Spieler und schaffte es unter die besten 100. „Das war so etwas wie der Auftakt in meiner Karriere“, sagte Haas.

Mit seinem furiosen Sieg gegen Roger Federer in Halle war Haas vor vier Wochen in die Top 50 zurückkehrt, und auch im Finale von Hamburg hatte zunächst alles danach ausgesehen, als könne Haas seiner Titelsammlung noch den 14. Turniersieg hinzufügen. Er kam gut in die Partie, spielte selbstbewusst und ging sogar mit 4:1 in Führung. Haas variierte clever, streute immer wieder Stoppbälle ein und demonstrierte mit seinem klugen Spielaufbau, warum er einmal die Nummer zwei der Welt war. Doch Monaco, der ab heute in den Top Ten geführt wird, zählt zu den wohl besten Sandplatzspielern der Branche. In der Vorwoche stand der 28-Jährige im Endspiel von Stuttgart. Im Hamburger Halbfinale hatte er in Nicolas Almagro aus Spanien den gefährlichsten Konkurrenten im Feld ausgeschaltet. Monaco verfügt über eine zermürbende Konstanz und sehr flinke Füße: Fast jeden Ball brachte er zurück und frustrierte Haas zunehmend.

Der Hamburger motzte mit sich, verstrickte sich in Selbstbeschimpfungen. Das gehört einfach zu Haas, wie seine Baseballmütze mit dem Schirm nach hinten. Und seine emotionale Art kommt an bei den Zuschauern. „Tommy ist der letzte Charakter im deutschen Tennis“, hatte auch sein Kollege Florian Mayer in dieser Woche festgestellt. Haas hat jene Aura, die der aktuellen Generation der deutschen Profis ein wenig fehlt. Und er ist ein leidenschaftlicher Kämpfer, der nicht aufgibt, egal wie es steht. So ließ sich Haas auch nach dem Verlust des ersten Durchgangs nicht hängen, spielte weiter bissig, schaffte das Break zum 2:0. Die Zuschauer taten ihr Übriges, doch Monaco kämpfte ebenso unnachgiebig um den größten Sieg seiner Karriere. Einmal konnte Haas noch ein Break wieder ausgleichen, doch Monaco spielte nahezu fehlerlos. „Das war eine ganz starke Partie“, sagte Haas anerkennend, „aber ich hoffe, dass ich nächstes Jahr wiederkomme.“ Vielleicht sogar schon früher, im September, wenn in der Hansestadt die Davis-Cup-Relegation gegen Australien ausgetragen wird. Es wäre auch die nächste Gelegenheit, endlich in der Weidenallee 45 vorbeizuschauen.

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