Sport : Der letzte Dreh

Warum der deutsche Eiskunstlaufmeister Stefan Lindemann jetzt beweisen muss, dass er den Titel verdient hat

Frank Bachner

Oberstdorf. Natürlich ist der Hals am Kostüm weit ausgeschnitten, darauf achten sie ganz besonders. Ilona Schindler, die Trainerin, ist da ja nicht allein bei der Modeberatung. Auch Ivo Sevec, der Choreograph, und Patrick Pawlick, der Ballett-Trainer, schauen auf solche Feinheiten. Weit ausgeschnitten, das bedeutet, dass der Hals größer wirkt und damit der ganze Mann. Es hilft ja nichts, Stefan Lindemann muss auf solche Tricks zurückgreifen. Er ist 1,63 m groß, das ist ziemlich klein für einen Eiskunstläufer, „und deshalb“, sagt er, „muss ich darauf achten, dass ich einen langen Hals bekomme“. Dann wirken die Sprünge eleganter und graziler. Immerhin ist er mit so einem Kostüm 2001 Deutscher Meister geworden. Das Make-up in seinem Gesicht ist auch ein Trick, und der ist genauso wichtig wie der lange Hals. Denn Lindemann hat rote Wangen, und wenn er sich anstrengt, sind sie sehr rot. Das sieht nicht gut aus. Vor allem, wenn einer wie er zu einer französischen Filmmusik des Märchens „Der kleine Däumling“ läuft.

Ilona Schindler, die Trainerin, war am Anfang gegen die Musik. Die ist auf dem Eis schwer umzusetzen, sagt sie. Aber das ist nicht das Problem von Stefan Lindemann bei den Deutschen Eiskunstlauf-Meisterschaften in Oberstdorf, die am heutigen Freitag beginnen. Das Hauptproblem ist, dass noch ein Stefan Lindemann auf dem Eis läuft. Dieser Lindemann gilt als sensibles Talent, das keine Wettkampfhärte hat, in entscheidenden Momenten versagt und wohl nur deshalb Meister ist, weil er von ganz anderen Tricks profitierte. Diesen Lindemann sehen diverse Experten und viele Fans, vielleicht auch ein paar Konkurrenten. In Oberstdorf läuft der 21-Jährige vor allem gegen diese Figur. Stefan Lindemann aus Erfurt, Sportsoldat und Hobby-Fußballer 2000, läuft, genau gesagt, um genügend Respekt. Da nützt es wenig, dass er 2000 Junioren-Weltmeister wurde. Eine Junioren-WM zählt nicht viel.

Sein Titel 2001 gilt als überaus anrüchig. Er patzte bei der Deutschen Meisterschaft beim dreifachen Axel und griff beim dreifachen Rittberger aufs Eis, aber er siegte vor dem souveräneren Andrejs Vlascenko aus München. „Ein politisches Votum“, urteilten Fachleute. Der Verband, sagten sie, hätte lieber einem 21-Jährigen den einzigen deutschen Olympiaplatz gegönnt als einem 27-jährigen Staatenlosen. Außerdem hätte man Lindemann größere Perspektiven eingeräumt. Aber bei der EM 2002, der Olympiaqualifikation, wurde der protegierte Lindemann nur Zwölfter, Vlascenko aber Achter. Der gebürtige Lette erhielt jedoch nicht rechtzeitig einen deutschen Pass. Er musste bei den Olympischen Spielen 2002 zusehen.

Und seither läuft Lindemann bei vielen Beobachtern gegen das Bild des Verbandslieblings. Er ist sowieso keiner dieser eleganten Läufer, er ist ein sportlicher Typ. Aber auf dem Eis wollen sie eine Persönlichkeit, einen Künstler, der Stimmungen aufnimmt und Gefühle transportiert. Deshalb hat Lindemann sein Ballett-Training verdoppelt, deshalb hat er auch den Hosenbund weit nach oben gezogen. Damit wirkt er auch größer.

Nach der verpatzten Olympiaqualifikation musste er vor allem gegen den eigenen Frust kämpfen. Und er weiß genau: Internationale Anerkennung bekommt er nicht bloß mit mehr Ausdruck und Eleganz. Er muss einen Vierfach-Sprung stehen. Im Wettkampf. Das hat noch kein deutscher Eiskunstläufer geschafft. Nur im Training ist das Lindemann gelungen, er sprang den vierfachen Toeloop und den vierfachen Salchow. Aber Vlascenko und Silvio Smalun, der frühere Deutsche Meister, können das auch, im Training.

Die Konkurrenz ist groß. Und für Lindemann geht es in Oberstdorf um mehr als den Titel. Deshalb hat er auch zu Katarina Witt, der Eiskunstlauf-Ikone, nein gesagt. Witt sah Lindemann in Erfurt laufen, im September, als Gaststarter bei der Show „World Stars on Ice“. Lindemann trug Stretchjeans und ein blaues Oberhemd, und er wirbelte zur Musik von Elton John. Witt fragte Lindemann, ob der nicht auch bei den restlichen drei Tourneestationen der Show laufen wolle. Das Training, antwortete der, sei wichtiger. Schließlich war er zuvor in Davos. Im Sommer 2002 war das, und Lindemann trainierte dort mit Alexej Mischin, dem Coach von Ex-Weltmeister Evgeni Pluschenko. Mischin sollte ihn, den Deutschen, dem großen Ziel näher bringen: dem vierfachen Toeloop. Die große Herausforderung für Oberstdorf. Doch Mischin lächelte nur nett. Den vierfachen Toeloop hat er mit Lindemann nie trainiert.

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