Sport : Der letzte Kick

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Von Ingo Wolff

Berlin. Es ist nur ein kurzer Augenblick, quasi ein langer Wimpernschlag, während der Football durch die Luft zischt, in den Händen eines hockenden Spielers landet und von ihm senkrecht auf dem Gras aufgestellt wird. Genau diesen Moment muss Manfred Burgsmüller beim Anlauf abpassen. Er muss mit seinem gestreckten Fuß an der Stelle angekommen sein, wo der Ball für Bruchteile von Sekunden ruht. Läuft er zu früh los, fliegt der Ball noch durch die Luft, kommt er zu spät an, rennen ihn die kräftigen Abwehrspieler des Gegners einfach um. Keine sehr einfache Übung, aber mit einigem Probieren kein Problem – wenn man jung, frisch und etwas geschickt ist. Wenn man sich allerdings jenseits der magischen 50 befindet und langsam auf seinen Lebensabend vorbereitet, erscheint das kleine Geschicklichkeitsspiel eher unattraktiv.

Manfred Burgsmüller sieht das anders. Der 52-Jährige empfindet es als besondere Herausforderung mit Spielern auf dem Platz zu stehen, die halb so alt sind wie er. Und dass nicht nur in irgendeiner Gurkentruppe in einer unterklassigen Liga, sondern in der höchsten europäischen Spielklasse im American Football bei Rhein Fire Düsseldorf. Außerdem genießt Burgsmüller das Gefühl der absolute Liebling des Düsseldorfer Publikums zu sein. Wenn Burgsmüller schießt, steht das Rheinstadion Kopf. Das tut es oft, denn der Kicker von Rhein Fire schießt alle Extrapunkte nach einem Touchdown seiner Rhein Fire und von Zeit zu Zeit kommt sogar ein Fieldgoal aus der Distanz hinzu.

Der frühere Fußballprofi hatte schon zu seiner aktiven Bundesligazeit Kultstatus. Spielte im Ruhrgebiet für Essen, Dortmund und Oberhausen, beendete seine Fußballkarriere in Bremen. Damals mit 45 Jahren schon in einem Alter, wo kaum noch ein Sportler aktiv ist. Doch sein Ruhestand – als Marketingexperte – währte nicht lange. Schon kurz darauf trieb es ihn wieder auf einen Platz. Diesmal mit anderen Linien außenrum. Ein Ende hat er bisher nicht gefunden.

„Ich höre dann auf, wenn ich keine Lust mehr habe und wenn ich gegen die Jüngeren alt aussehe“, hatte Burgsmüller in den vergangenen Jahren immer gesagt, wenn er auf sein Alter angesprochen wurde. Anscheinend fühlt er sich nun alt, denn nach diesem Jahr ist endgültig Schluss. Am liebsten nach dem Gewinn des World Bowls, denn das Endspiel der europäischen Footballliga findet in diesem Jahr in Düsseldorf statt. Das letzte Spiel im Rheinstadion bevor es für die Fußball-WM abgerissen wird.

Dann hat Burgsmüller seinen Job erledigt. Denn eigentlich war Burgsmüller nur ein PR-Gag. Genau genommen sollte er vor sieben Jahren für Rhein Fire einen zugkräftigen Spieler suchen, einen Deutschen, der die Zuschauer ins Stadion holt. Ein bekanntes Gesicht unter etlichen unbekannten amerikanischen Football-Jungprofis. Dabei kam nur ein Kicker in Frage, wegen der mangelnden Qualität deutscher Footballer. Und wer eignet sich dafür besser, als ein Fußballprofi. „Da sich kein geeigneter Spieler fand, machte ich den Job halt selbst“, sagt Burgsmüller schmunzelnd. Er entwickelte sich zum erfolgreichsten deutschen Kicker in der NFL Europe. „Hätte ich früher mit dem Sport begonnen, hätte ich es in die NFL geschafft“, sagt der 52-Jährige selbstbewusst. Doch in den USA hätte er dafür niemals so viel bewirken können, wie in der noch jungen europäischen Liga. Burgsmüller hat Football in Düsseldorf zur beliebtesten Sportart und zum Publikumsmagneten gemacht – weit vor dem Fußball-Regionalligisten Fortuna.

Auf seiner Abschiedstournee kommt Burgsmüller heute auch zum letzten Mal ins Jahnstadion nach Berlin. Gegen Thunder (Beginn 18.00 Uhr) trifft Burgsmüller dann auf einen Veteranen der NFL Europe: Axel Kruse. Der Berliner Kicker war ebenfalls vor seiner Footballkarriere Fußballprofi und ist ebenfalls Publikumsliebling. Der 35-Jährige hat allerdings, gemessen an Burgsmüller noch einige Jahre vor sich. Genügend Zeit Burgsmüller in der ewigen Rangliste der erfolgreichsten Kicker der NFL Europe zu überholen. Einen anderen Rekord wird aber auch Kruse nicht brechen können: denn Burgsmüller ist mit seinen 52 Jahren der älteste Profifootballer der Welt. Immerhin zwei Jahre älter als der Trainer von Berlin Thunder. Peter Vaas feierte gestern erst seinen 50. Geburtstag.

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