Sport : Der letzte Kick

Jonny Wilkinson schießt England zum Sieg bei der Rugby-WM, dem ersten großen Titel für die Nation seit 1966

Ingo Petz

Auckland. Der Voodoo-Zauber hat nicht geholfen. Die australische Zeitung „Daily Telegraph“ hatte in der Woche vor dem Finale der Rugby-Weltmeisterschaft eine Voodoo-Puppe von Jonny Wilkinson zum Ausschneiden veröffentlicht. Obwohl wahrscheinlich fast jeder Australier Nadeln in den papiernen Superstar der Engländer steckte, machte er sich auf dem Spielfeld fast ungehindert unsterblich. Der „Beckham des Rugby“ hat England zum ersten WM-Titel in diesem Sport geschossen, und das in allerletzter Sekunde. In der letzten Minute der Verlängerung bekam Englands Kickspezialist den Ball in die Hände, beförderte ihn souverän durch das große H und sorgte damit für den 20:17-Sieg der „Rosen“ gegen die australischen „Wallabys“. Es war der größte Erfolg der Sportnation England seit dem Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft 1966.

Kurz zuvor hatte der amtierende Weltmeister Australien durch einen Strafstoß von Elton Flatley einen 14:17-Rückstand nochmals ausgleichen können. Flatley hatte in der letzten Minute der regulären Spielzeit ebenfalls mit einem Strafstoß dafür gesorgt, dass sich das Team von Eddie Jones mit einem 14:14 überhaupt in die Verlängerung retten konnte. 83 000 Zuschauer sahen das wohl spannendste und dramatischste Finale der 16-jährigen WM-Geschichte. Und das, obwohl ein langweiliges Spiel der weltbesten Defensivbrocken erwartet worden war. Dabei hatte der zweimalige Weltmeister furios begonnen. Der Australier Stephen Larkham hatte den Ball in der siebten Minute diagonal über das halbe Feld geschossen, geradewegs in die Arme von Lote Tuquiri, der den Ball hinter die Torauslinie brachte – zum 5:0 und einzigen Versuch der Australier. Danach krachten vor allem die gewaltigen Vorderlinien beider Mannschaften aufeinander, wobei den Australiern viele kleine Fehler unterliefen. Die Folge: drei verwandelte Strafstöße, natürlich durch Wilkinson. Danach passte er in der 39. Minute den Ball clever zu Jason Robinson, der den einzigen Versuch für das Team von Clive Woodward erzielte. In der zweiten Hälfte zeigten die englischen Spieler überlegenes Angriffs-Rugby, ohne dass ihnen allerdings die nötigen Versuche gelangen. Australien hielt dagegen und kam zu drei Strafstößen durch Flatley.

In der zwanzigminütigen Verlängerung ging es rasant hin und her. Wilkinson verwandelte bereits in der 43. Sekunde einen Strafstoß zum 17:14. Danach machte England letzten Endes alles richtig, ließ den „Wallabys“ keine Lücke, setzte auf die starke Defensive um Kapitän Martin Johnson und eben Jonny Wilkinson.

Australien war eher überraschend im Finale dieser Weltmeisterschaft gelandet – vor allem durch den Halbfinal-Sieg gegen Neuseeland, das auf Platz drei landete. Mit England holte das Mutterland des Rugbys den Webb Ellis Cup erstmals in die nördliche Hemisphäre. Der Weltranglistenerste wurde am Ende des Turniers seiner Favoritenrolle gerecht. Es hieß, sogar die Queen habe auf einem Sofa im Buckingham Palace gesessen und am Fernsehen verfolgt, wie Englands stärkste Männer ihrer Heimat Ruhm und Ehre brachten.

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