Sport : Der letzte Mann

Otto Rehhagel preist die Vorzüge eines Liberos und distanziert sich von seinen Spielern

Sven Goldmann[Salzburg]

Wusste ja jeder, dass die Antike keine Zukunft haben würde. Jedenfalls nicht auf dem Fußballplatz. Tradition kann nur Zukunft haben, wenn sie der neuen Generation Anregungen für die Gestaltung des Zukünftigen mit auf den Weg gibt. Auch in Salzburg schätzen sie die Tradition, das Genie Mozart, aber dessen Kompositionen zeugen auch zwei Jahrhunderte später von einer Leichtigkeit, die noch heute Musiker auf der ganzen Welt begeistert. Wer wollte schon ähnliches von Griechenlands Nationalmannschaft sagen und dem Steinzeitfußball, mit dem sie am späten Dienstag das Salzburger Publikum quälten. Also pfiffen die Zuschauer, erst leise, dann immer lauter, und am Ende jubelten sie, weniger über den 2:0-Sieg der Schweden denn über die griechische Niederlage. Vier Jahre nach dem griechischen Triumph von Lissabon erscheint ein zweites Mirakel ausgeschlossen. Für den Fußball ist das keine schlechte Perspektive.

Griechenlands Otto Rehhagel wird bald 70 Jahre alt, und wie kein zweiter steht er für das Altmodische in seinem Sport. Das ist in Zeiten des Hochgeschwindigkeitsfußballs selten schön anzuschauen, wenn auch nicht immer so furchtbar, wie am Dienstag. Jenseits des Platzes aber hat Rehhagels Philosophie auch seine anrührenden, sympathischen Momente. Otto Rehhagel ist mit dem guten alten Fußball à la „elf Freunde müsst ihr sein“ sozialisiert worden, Trainer und Spieler sind eine große Familie, die Siege gemeinsam feiert und Niederlagen gemeinsam erträgt.

Die Spieler nennt er seit über 30 Jahren „meine Jungs“ und er hat noch immer zu ihnen gehalten. Zum Torwart Peter Endrulat nach dessen zwölf Gegentoren in Mönchengladbach. Zum Stürmer Norbert Meier, den der Manager mal im Bordell auslösen musste. Und zum Verteidiger Norbert Siegmann, als dieser mit einer, nun ja, unglücklichen Grätsche seinem Gegenspieler Ewald Lienen den Oberschenkel bis zum Knochen aufschlitzte.

Am späten Dienstagabend aber lernten die Griechen den anderen Rehhagel kennen. Hat da einer behauptet, er sei zu alt, sich noch zu ändern? Der Ehrenbürger von Athen referierte wie ein schnöseliger Yuppie über das Spiel seiner Mannschaft, mit dem er offensichtlich nichts zu tun haben wollte, weil es nicht nur hässlich und destruktiv, sondern auch noch erfolglos war. Was zu allem Unglück die ganze Welt auch noch prophezeit hatte. Rehhagels Absetzbewegungen gipfelten in dem nur scheinbar harmlosen Sätzchen: „Sie haben sich bemüht, aber es hat nicht gereicht.“ So redet ein Jugendtrainer über den kleinen Dicken, der zu jedem Training kommt, aber auch mit 13 noch nicht begriffen hat, dass er als Torwart den Ball in die Hand nehmen darf.

Die griechischen Reporter stellten Fragen. Warum er, nach zarten Modernisierungstendenzen, zum ersten Mal seit 14 Monaten wieder mit Libero hatte spielen lassen? Und dazu noch vier weitere Verteidiger? Und ob es denn nicht ein wenig mehr Kreativität hätte sein können?

Rehhagel lächelte sein Rehhagel-Lächeln, mit dem er noch jeden Fragesteller zu verstehen gegeben hat, was er von ihm hält, nämlich gar nichts. Auszüge aus seiner mitternächtlichen Vorlesung: „Wir spielen immer so, wie wir es für richtig halten. Und wenn wir nicht so gespielt hätten, wie wir gespielt haben, hätte es nach der ersten Halbzeit schon 0:5 gestanden. Mir hat das gar nicht gefallen, wie die sich in der ersten Halbzeit da hinten immer den Ball zugespielt haben. Es ist egal, wo einer spielt, kreativ darf er immer sein. Wenn wir die nächsten beiden Spiele gewinnen, kommen wir noch ins Viertelfinale. Aber wenn wir so spielen wie heute, gewinnen wir kein einziges Spiel mehr.“

Erheiterung herrschte, als er tief hinein tauchte in die Siebzigerjahre und die Vorzüge des Liberos pries: „Franz Beckenbauer hat auch Libero gespielt, er ist wunderbar durch die Reihen gegangen und war kreativ.“ Die Griechen hätten sein kunstvolles System nur richtig umsetzen müssen, dann hätte es auch gereicht. Über diese Epoche, in der Beckenbauer so wunderbar durch die Reihen ging und kreativ war, hat Rehhagels Kronzeuge Otto Rehhagel einmal gesagt: „Wenn du dir diese Spiele heute im Fernsehen anschaust, schläfst du nach zehn Minuten ein.“

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