Sport : Der letzte Schrei

Übergroßer Ehrgeiz trieb den angeschlagenen Oliver Kahn ins Tor. Zwei Fehler könnten ihn nun die WM-Teilnahme kosten

Moritz Küpper[München]

Der Kapitän zog einsam seine Runden. Während die Fußballspieler des FC Bayern München gestern Morgen bei einem lockeren Spielchen die Muskeln lockerten, lief Oliver Kahn alleine um den Trainingsplatz an der Säbener Straße. Danach begab er sich an die Absperrung, um der Öffentlichkeit seine Sicht zum Vortag zu erläutern. „Beim ersten Gegentreffer kann ich gar nichts machen. Da muss ich am kurzen Pfosten stehen“, analysierte er das Gegentor, bei dem er eine Flanke unterlaufen hatte. Kahn räumte ein, dass er beim zweiten Gegentor schlecht ausgesehen habe. „Das war ein Scheißding, das ich auf meine Kappe nehmen muss“, sagte Kahn, „aber so etwas passiert.“

Dass der Tabellenletzte aus Köln ein 2:2 (2:2) in München holte, hatte er vor allem Oliver Kahn zu verdanken. Der Nationaltorhüter hatte bei beiden Gegentreffern ein unglückliche Figur gemacht und somit für neuen Diskussionsstoff in der Torwartfrage gesorgt – auch wenn diese für Kahn am Sonntagmorgen immer noch geklärt war. „Es gibt in dieser Frage überhaupt keine Diskussion, ich bin die Nummer eins“, sagte er selbstbewusst, „das hat man mir gesagt, und davon gehe ich weiter aus.“ Ob er es wirklich glaubte, blieb jedoch fraglich.

Noch am Tag zuvor hatte Kahn, der wegen einer Verletzung zur Halbzeit in der Kabine blieb, gesagt, dass er sich vielleicht zu sehr unter Druck setze und mehr auf seinen Körper hören solle. „Ich sollte nur spielen, wenn ich tausendprozentig fit bin“, sagte er. „Aber ich stelle jetzt nicht alles in Frage und lasse mir die sehr starke Saison nicht kaputtreden.“ Auch Trainer Felix Magath und Manager Uli Hoeneß stellten nach dem Spiel fest, dass es wohl besser gewesen wäre, wenn der angeschlagene Kahn nicht aufgelaufen wäre. Hoeneß wollte dies jedoch nicht als Kritik an der Nummer eins des FC Bayern verstanden wissen, sondern nutzte die ihm entgegengereckten Mikrofone, um die Ursache für die Fehler bei Bundestrainer Jürgen Klinsmann anzusiedeln. „Was wir jetzt erleben, diese Jagd vor der WM, die hätte man sich gleich ersparen müssen. Es ist die Konsequenz aus dem Mangel an Entscheidungen“, zürnte der Manager. „Ich kann immer nur wieder sagen, dass ich diese Entscheidung – egal wie auch immer sie ausfällt – schon längst getroffen hätte.“

Den Einwand, dass Kahn selbst wissen müsse, wann er spiele und wann nicht, ließ Hoeneß nicht gelten. „Es spricht für ihn, dass er nicht kneift, ich finde das eher positiv“, sagte der Manager, „aber er hätte mit Sicherheit nicht gespielt, wenn es klar gewesen wäre.“ Während für Hoeneß der Sachverhalt somit klar war, gab es auch kritische Stimmen im Team. „Man sollte nur spielen, wenn man 100 Prozent fit ist und nicht nur zu 50 Prozent“, sagte Torschütze Willy Sagnol und kritisierte seinen Mitspieler Kahn, der offenbar von übergroßem Ehrgeiz getrieben sei.

Immerhin bekam Kahn Rückendeckung von prominenter Stelle. „Ich habe eine gute Leistung gesehen“, sagte Augenzeuge Oliver Bierhoff, „so ein Fehler kann passieren.“ Zwar hatte Kahn gut mitgespielt und dreimal in bester Jens-Lehmann-Manier außerhalb des Strafraums geklärt, doch seiner Leistung das Prädikat „gut“ zu verleihen, war vor allem dem diplomatischen Geschick Bierhoffs geschuldet. Der Manager schätzt die Chancen im Duell zwischen Kahn und Lehmann „50:50“ ein. Den Vorwurf von Hoeneß, dass die Fehler ein Resultat der Torwartdiskussion seien, wies Bierhoff zurück: „Beide beanspruchen, diesem Leistungsdruck standzuhalten“, sagte er. Zumal sich Hoeneß’ Ausbruch leicht entkräften lässt: Auch unter Bundestrainer Rudi Völler hatte sich Kahn als unumstrittener Titan im deutschen Tor in der Champions League gegen Juventus Turin und Real Madrid oder in der Bundesliga gegen Werder Bremen häufiger Fehler erlaubt.

Vielleicht auch deswegen war der Nationaltorhüter beim gestrigen Training darum bemüht, diese Debatte nicht als Alibi für seine Aussetzer anzuführen. Doch der Bayern-Torwart muss mitbekommen haben, dass sich das Bild in der Öffentlichkeit zu wandeln scheint. Immer mehr deutet darauf hin, dass er seinen Platz räumen muss. Dabei hatte Kahn zu Beginn der Rückrunde seiner Mannschaft durch starke Leistungen beispielsweise beim Auswärtsspiel bei Hertha BSC oder zu Hause gegen Nürnberg wichtige Punkte gerettet. Auch die Nationalmannschaft bewahrte er im Spiel gegen die USA mit glänzenden Paraden vor einem zwischenzeitlichen Ausgleich – um dann doch bei dem Gegentreffer eine unglückliche Figur zu machen. „Es wäre schlimm genug, wenn solche Dinge entscheidend wären“, sagte Uli Hoeneß noch. Als Argument könnten sie Jürgen Klinsmann dennoch dienen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar