Sport : Der letzte Schrei

Albert Streit wird rehabilitiert und führt Frankfurt zum wichtigen Sieg über Aachen

Hartmut Scherzer[Frankfurt am Main]

Albert Streit musste nicht lange überlegen, dann sagte er: „Heute haben die Leute gesehen, was ich für einen Charakter habe.“ Streit hatte in den vergangenen Wochen als Musterbeispiel für den egoistischen Fußballprofi gegolten, dem der Abstiegskampf seines Klubs schnuppe schien. Bei Abstieg kann der umworbene Dribbler, Flanken- und Freistoßspezialist ablösefrei gehen. Eine solche Klausel könnte schon zur Nachlässigkeit verführen. Bei Klassenverbleib aber müssen die interessierten Großen der Liga den Begehrten aus seinem bis 2009 laufenden Vertrag freikaufen.

Friedhelm Funkel, der Trainer der Frankfurter Eintracht, hatte wegen schlechter Trainingsleistungen seinen Leistungsträger für drei Spiele aus dem Kader verbannt, aber nach einem „Gespräch unter Männern“ den 27-Jährigen rechtzeitig zur Endphase des Abstiegskampfes wieder in die Mannschaft aufgenommen. „Ich habe dem Trainer mein Wort gegeben, noch alles für die Eintracht zu geben“, sagte Streit.

Zu diesem Deal unter Männern war es bei Alemannia Aachen zwischen Trainer Michael Frontzeck und Nationalspieler Jan Schlaudraff nicht gekommen. Schlaudraff habe „sich teilweise verweigert und die Mannschaft im Stich gelassen“, so der schwerwiegende Vorwurf der sportlichen Führung Frontzek/Schmadtke und die Begründung für den Rauswurf. Dabei muss das angeblich fehlende Engagement des Stürmers schon verwundern, hängt seine nahe Zukunft schon lange nicht mehr vom Schicksal der Alemannia ab. Der Shootingstar der Saison wechselt zum FC Bayern, was schon seit vier Monaten offiziell feststeht.

Schlaudraff saß also als Privatmann auf der Tribüne und sah, wie großartig Streit aufspielte und die ersten drei der vier Tore zum 4:0-Sieg der Eintracht über die Alemannia mit einer Flanke und zwei Freistößen vorbereitete. Manager Jörg Schmadtke geriet in Erklärungsnot: „Es gibt keine Wahrheit, ob die Entscheidung richtig war oder nicht.“ Albert Streit lieferte die ganze Wahrheit: „Für mich war es wichtig, heute einigermaßen zu spielen. Das habe ich auch irgendwie hinbekommen. Wenn ich heute nicht gut gespielt hätte, wären noch mehr Fragen aufgekommen. Jetzt, glaube ich, ist erst einmal Ruhe für eine Woche." Dennoch werde sein Weg nach der Saison woandershin führen.

Das Ehrgefühl eines Fußballprofis der Bundesliga ist also doch noch nicht vor lauter Egoismus verkümmert. Funkel hatte es verstanden, Streit bei der Ehre zu packen. Frontzeck, der vor kurzem noch von dessen „unglaublichem Antritt, der Beschleunigung mit dem Ball und der Abgebrühtheit vor dem Tor" geschwärmt hatte, muss da bei Schlaudraff wohl versagt haben. Und so kam es nach der Rückkehr Streits und der Verbannung Schlaudraffs, wie es kommen musste: In dem vom Frankfurter Vorstandschef Heribert Bruchhagen proklamierten „Königsspiel“ gegen den Abstieg herrschte die Eintracht wie eine Königin und degradierte die Alemannia zur Dienstmagd. Das 4:0 schmeichelt noch dem Team vom Tivoli. Die Niederlage hätte durchaus auch zweistellig ausfallen können.

„Wir haben nur eine bessere Ausgangsposition. Wir sind nicht durch“, sagt Frankfurts Trainer. In Bremen und zu Hause gegen Hertha BSC – das ist bei einem Vier-Punkte-Polster das Restprogramm. Aachen hat drei Punkte Rückstand zum Fünfzehnten Wolfsburg, und der kommt am Samstag zum Tivoli. Das Saisonfinale steigt dann beim HSV. Die Frage, ob Schlaudraff wie Streit nach einem Gespräch unter Männern zum Abstiegsendspiel zurückkehren wird, beantwortete Schmadtke mit: „Eher nicht.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar