Sport : Der letzte Schritt

Hertha BSC freut sich schon jetzt über eine erfolgreiche Saison – egal, was am Ende noch herausspringt

Stefan Hermanns[Mönchengladbach]

Dieter Hoeneß besitzt nicht nur aus familiären Gründen eine enge Verbundenheit zum FC Bayern München. Beim deutschen Rekordmeister hat er die erfolgreichsten Jahre seiner Fußballerkarriere verbracht, und schon lange ist ihm der Klub eine Art Vorbild. Dieter Hoeneß möchte als Manager mit Hertha BSC erst noch werden, was sein Bruder Uli mit den Bayern schon lange ist: groß und erfolgreich. Bei aller Konkurrenz aber verfolgt der Berliner Hoeneß zurzeit mit einiger Freude die Entwicklungen in München: Seitdem die Bayern als neuer Meister feststehen, haben sie alle ihre Spiele gewonnen. Und nach der Vorstellung der Berliner soll diese Serie über das kommende Wochenende hinaus Bestand haben. „Die Bayern wollen gewinnen, und sie werden gewinnen“, sagte Dieter Hoeneß.

Als Herthas Manager am Samstagabend den Borussia-Park in Mönchengladbach verließ, konnte jedenfalls kein Zweifel mehr daran bestehen, dass die Münchner am Samstag beim VfB Stuttgart siegen werden – so oft hatte Hoeneß dieses Ergebnis vorausgesagt, als wolle er den Sieg des Meisters geradezu herbeibeschwören. Denn wenn Stuttgart am Samstag nicht gewinnt oder – die weniger wahrscheinliche Variante – Schalke beim Absteiger Freiburg verliert, erreicht Hertha BSC mit einem Sieg im Heimspiel gegen Hannover doch noch die Champions League.

„Es klingt komisch“, sagte Herthas Mittelfeldspieler Niko Kovac nach dem 0:0 in Mönchengladbach, „aber wir können sogar noch Zweiter werden.“ Allerdings dauerte es eine Weile, ehe sich diese Erkenntnis bei Herthas Profis durchgesetzt hatte. Anfangs fühlte sich das Remis wie eine Niederlage an, weil Hertha die schöne Vorlage, die Niederlagen der Konkurrenz, ungenutzt gelassen hatte. „Das spricht für die Spieler“, sagte Hoeneß. „Es zeigt, dass sie noch heiß sind.“ Einige Spieler flüchteten sofort nach dem Schlusspfiff in die Kabine, die anderen trotteten eher betrübt Richtung Mittelkreis.

Es ist eine seltsame Situation, in der sich Hertha jetzt befindet. Egal welchen Platz die Mannschaft am Ende belegen wird, das erste Jahr unter Trainer Falko Götz lässt sich schon jetzt als höchst erfolgreich bilanzieren. „Es war eine großartige Saison“, sagte Torhüter Christian Fiedler, noch bevor das amtliche Endergebnis vorliegt. Kein anderer Bundesligist hat in den letzten zwölf Monaten einen derart großen Satz nach vorn gemacht. Im vergangenen Jahr waren die Berliner nur knapp dem Abstieg entkommen, im nächsten spielen sie auf jeden Fall im Europapokal. Das Unentschieden in Gladbach sicherte ihnen vorzeitig die Qualifikation für den Uefa-Cup, wäre also eigentlich ein Anlass zur Freude gewesen. „Das Gefühl ist neutral“, berichtete hingegen Verteidiger Malik Fathi.

Das ist nur ein Hinweis darauf, was Hertha bevorsteht, wenn die Mannschaft am Wochenende zwar gegen Hannover gewinnt und trotzdem die Qualifikation für die Champions League verpasst. Die Enttäuschung über den misslungenen großen Coup würde den positiven Gesamteindruck der Saison entschieden eintrüben. Natürlich wäre das ungerecht, aber kaum zu verhindern.

Trainer Götz und Manager Hoeneß verteidigten daher schon mal vorsorglich ihre Deutungshoheit. „Wir haben’s geschafft und nehmen alle Glückwünsche gerne entgegen“, sagte Götz. Hertha hat sowohl das ursprüngliche Saisonziel (einstelliger Tabellenplatz) erreicht als auch die revidierte Fassung (internationaler Wettbewerb). „Nächste Woche wollen wir noch einen dritten Schritt folgen lassen“, sagte Götz.

Es schien, als hätten Hoeneß und Götz irgendwo auf dem Weg zwischen Platz und Kabine eine gemeinsame PR-Kampagne für mehr Optimismus ersonnen. „Wir sind noch ganz dicke dabei“, verkündete Herthas Trainer, während der Manager immer wieder einen Sieg der Bayern in Stuttgart prophezeite: „Ich bin zuversichtlich, dass wir das packen.“ Der Optimismus wird auch genährt durch die Erfahrungen der Vergangenheit. „In den letzten Jahren hatten wir im Schlussspurt immer Glück“, sagte Andreas Neuendorf.

Vor zwei Jahren zum Beispiel lag Hertha vor dem letzten Spieltag auf dem sechsten Platz und war ebenfalls auf Unterstützung von außen angewiesen. Weil Bremen 1:4 in Gladbach verlor, qualifizierten sich die Berliner mit einem 2:0 gegen Kaiserslautern noch für den Uefa-Cup. 2001 wiederum wehrten sie Werders Angriff erfolgreich ab. Durch ein 1:0 in Kaiserslautern verteidigte Hertha den Uefa-Cup-Platz. „Wir haben im Saisonfinale fast immer gewonnen und häufig noch einen entscheidenden Schritt nach vorne gemacht“, sagte Dieter Hoeneß. So gewaltig wie diesmal war der Schritt für den Verein allerdings noch nie.

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