Sport : Der Letzte seiner Art

Ausgerechnet der nüchterne Phillip Cocu ist aus der glamourösen holländischen Generation übrig geblieben

Stefan Hermanns[Leipzig]

Phillip Cocu, man kann das ruhig so sagen, weiß mit den Überdrehtheiten des modernen Fußball-Business wenig anzufangen. Er hat eine Fußballzeitschrift mitgebracht, auf dem Titel das Porträt einer schwarzen, sehr attraktiven Frau. Es ist die Ex-Frau eines Fußballprofis, die mit ihren Enthüllungen den vermeintlichen Manipulationsskandal im holländischen Fußball publik gemacht hat. „Was soll das?“, fragt Cocu, der holländische Nationalspieler. „Das will eine Fußballzeitschrift sein!“ Er legt die Zeitschrift auf den Tisch – mit der Frau nach unten.

Phillip Cocu steht für den puren Fußball, auch auf dem Platz vertritt er die alte Schule der Sachlichkeit. „Ich weiß, dass die Menschen nicht meinetwegen ins Stadion kommen“, hat er einmal über sich und sein Spiel gesagt. Cocu zählt zu den Fußballern, die wenig spektakulär spielen, ohne die eine Mannschaft allerdings oft nicht funktioniert. Es teilt das Schicksal aller defensiven Mittelfeldspieler, dass sie immer dann besonders gut waren, wenn sie dem Publikum nicht weiter aufgefallen sind. „Phillip ist sehr wichtig für die Mannschaft“, sagt Hollands Bondscoach Marco van Basten. „Er gehört zu den Spielern, die nicht nur mit sich selbst beschäftigt sind, sondern auch anderen helfen.“

Im Oktober wird Cocu 36, und als er vor zwei Jahren vom FC Barcelona in seine Heimat zum PSV Eindhoven zurückkehrte, sah es so aus, als wolle er seine Karriere in der beschaulichen Ehrendivision noch ein bisschen ausschwingen lassen. An einen Austritt aus der Nationalmannschaft aber hat er, anders als viele andere Spieler seiner Generation, nach der Europameisterschaft in Portugal nie gedacht. „Die Nationalmannschaft war einer der Gründe, warum ich in die Niederlande zurückgekommen bin“, sagt er.

Die Weltmeisterschaft in Deutschland, die für die Holländer heute mit dem Spiel gegen Serbien-Montenegro beginnt, wird für Cocu das fünfte große Turnier sein, und vielleicht war er nie so wertvoll für Hollands Nationalmannschaft wie diesmal. „Phillip ist ein sehr hingebungsvoller Spieler“, sagt der ehemalige deutsche Nationalspieler Herbert Neumann, der Mitte der Neunzigerjahre Cocus Trainer bei Vitesse Arnheim war und damals eine wichtige Entscheidung für den Fortgang von Cocus Karriere traf. Neumann schulte Cocu vom Linksaußen zum Mittelfeldspieler um. „Er besaß weder eine überragende Schnelligkeit, noch hatte er ein großartiges Dribbelvermögen, um im eins gegen eins eine neue Situation entstehen zu lassen“, sagt Neumann. „Dafür hatte er großartige fußballerische Fähigkeiten und viel Laufvermögen.“

Cocu hat im Laufe seiner Karriere alle Ecken des Fußballfeldes kennen gelernt. Allein bei der WM 1998 hat er auf vier verschiedenen Positionen gespielt: als linker Verteidiger, im linken und im zentralen Mittelfeld sowie im Angriff. Inzwischen, im hohen fußballerischen Alter, scheint Cocu seine ideale Rolle gefunden zu haben. Im defensiven Mittelfeld gibt er der holländischen Mannschaft, die ähnlich jung und unerfahren ist wie die deutsche, den Halt, ohne den ihr wagemutiges Offensivspiel kaum denkbar wäre. „Der Soldat von Oranje“ hat das holländische Fußballmagazin „Voetbal International“ Cocu einmal genannt.

In der holländischen Nationalmannschaft ist der 35-Jährige der letzte Feldspieler einer Generation, der einmal eine glorreiche Zukunft prophezeit wurde und die inzwischen in den Niederlanden als Knapp-vorbei-Generation bezeichnet wird: bei der WM 1998 scheiterte sie im Halbfinale an Brasilien – im Elfmeterschießen, 2000 verlor sie das Halbfinale der Europameisterschaft gegen Italien – im Elfmeterschießen, und 2002 schaffte sie nicht einmal die Qualifikation zur Weltmeisterschaft. Dass aus dieser verlorenen Ära des holländischen Fußballs nicht die sehr viel begabteren Kluivert, Seedorf oder Davids übrig geblieben sind, sondern nur Torhüter Edwin van der Sar und der nüchterne Phillip Cocu, ist vermutlich kein Zufall. Marco van Basten kann nichts anfangen mit Fußballern, die sich wie Filmstars aufführen. „Van Basten will hungrige Spieler“, sagt Herbert Neumann, „und Phillip ist trotz seiner Erfolge immer noch hungrig.“

Cocu hat mehr als hundert Champions-League-Spiele bestritten, kein Ausländer hat häufiger für den ruhmreichen FC Barcelona gespielt, und während der WM kann er als dritter Holländer nach Frank de Boer und Edwin van der Sar die Grenze von hundert Länderspielen durchbrechen. „Das ist nichts, was mich antreibt“, sagt Cocu. Er will nach der Weltmeisterschaft noch ein Jahr weiterspielen. Mit der WM aufzuhören, das hätte er als zu abrupt empfunden. Nur aus der Nationalmannschaft will Cocu sich zurückziehen. Marco van Basten sagt: „Wir werden nach der WM noch mal mit ihm darüber reden.“

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