Sport : Der letzte Spurt war ihr bester

Die Tschechin Neumannova siegt im Skilanglauf über 30 Kilometer – Claudia Künzel wird Sechste

Hartmut Scherzer[Pragelato]

Lucia Neumannova war überglücklich. Eingepackt in einen rosa Winteranzug und mit hellblauer Mütze jubelte sie durch den Zielbereich in Pragelato, als hätte sie gerade die 30 Kilometer Skilanglauf gewonnen. Dabei war es ihre Mutter, die soeben Olympiasiegerin geworden war. Mit ihrer zweieinhalb Jahre alten Tochter auf dem Arm, erklärte Katerina Neumannova aus Pisek in der Tschechischen Republik nach dem Massenstartrennen am Freitag jedem, dass sie mit allem, nur nicht mit der Goldmedaille gerechnet habe.

Am Tag zuvor hatte sich die Zweite in der Verfolgung noch so krank gefühlt, dass sie gar nicht an den Start gehen wollt. Doch die 33-jährige Tschechin lief trotz Halsschmerzen los im leichten Schneetreiben auf einer Piste, die sie gar nicht mag. „Ich habe lieber eine harte Loipe.“ Aber sie habe einen „fantastischen Ski“ gehabt, der geholfen habe, „viel Energie zu sparen“. Und so kam es, dass die 18. des Mountain-Bike-Rennens der Sommerspiele von Atlanta 1996 im Endspurt eines Spitzentrios noch dabei war. Und dass sie – nicht zuletzt zu ihrem eigenen Erstaunen – auf den letzten Metern sogar an der dreimaligen Olympiasiegerin Julia Tschepalowa aus Russland und der erst im Dezember von einer Dopingsperre begnadigten Polin Justina Kowalczyk noch vorbei spurtete. „Normalerweise bin ich im Endspurt schwach. Ich weiß nicht, was passiert ist“, wunderte sich Neumannova über sich selbst. Nach viermal Silber und einmal Bronze lief sie in ihrem letzten Rennen bei Winterspielen endlich das erste Mal zu Gold.

Bis zum letzten, langen und steilen Anstieg zwei Kilometer vor dem Ziel durfte das deutsche Team hoffen, dass auch Claudia Künzel noch eine Medaille erspurtet. Aber am Berg konnte sie in der kleinen Spitzengruppe dem Tempo nicht mehr folgen und hatte oben fast 40 Sekunden Rückstand. „Ich bin eben bergschwach“, sagte Künzel. Die Oberwiesenthalerin wurde in ihrem fünften Rennen in Pragelato höchst anerkennenswerte Sechste. „Ich hatte gedacht, dass ich auf Platz dreißig rumbummele, denn ich hatte ja noch den Sprint in den Beinen“, sagte die 28-Jährige.

Trotz ihrer starken Leistung nahm Künzel außer den beiden Silbermedaillen mit der Staffel und im Sprint aus Turin nicht viel mit. „Wie ein sehr, sehr langes Weltcup-Wochenende“ seien ihr die Spiele vorgekommen. Olympisches Feeling ist bei ihr nicht aufgekommen.

Bei Evi Sachenbacher-Stehle erst recht nicht. Für sie endeten am Freitag die Spiele so, wie sie am Freitag zwei Wochen zuvor mit der Schutzsperre wegen eines zu hohen Hämoglobinwerts im Blut begonnen hatten: höchst ärgerlich. Sachenbacher-Stehle stürzte, fiel aus der Spitzengruppe zurück und kam mit fast drei Minuten Rückstand als Dreizehnte ins Ziel. „Nach Turin fahre ich nie wieder“, beschloss sie danach.

Soweit wollte Claudia Künzel nicht gehen. Sie äußerte ihre Bewunderung speziell für die Siegerin. „Das ist schon imponierend, wie die Katerina das schafft mit dem Kind. Ich könnte das nicht.“ Wenn Neumannova mit dem Skizirkus durch den Winter zieht und im Sommer sich in Trainingslagern darauf vorbereitet, ist ihre Tochter immer dabei. „Ich kann doch nicht die Ski meinem Kind vorziehen“, hatte sie sich nach der Geburt gesagt. Nur zur Siegerehrung musste sie allein. Lucia Neumannova durfte nicht mit aufs Podest.

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