Sport : Der letzte Versuch

Nach zehn sieglosen Spielen entlässt der VfL Bochum Heiko Herrlich, Dariusz Wosz springt als Trainer ein

Richard Leipold[Bochum]
Foto: ddp
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Heiko Herrlich hatte sich im Abstiegskampf immer unbeirrt gezeigt. Er werde seinen Weg gehen und den VfL Bochum in einen sicheren Hafen manövrieren, sagte er. Doch nach wenigen Monaten ist Herrlich in Bochum schon am Ende seines Weges. Zwei Spieltage vor Saisonende trennte sich der Bundesliga-Sechzehnte von dem 38 Jahre alten Herrlich, den er erst im Oktober vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) abgeworben hatte. „Es geht darum, den Hebel umzulegen und nach dem letzten Strohhalm zu greifen“, sagte Sportvorstand Thomas Ernst. „Wir wollen kurzfristig alles auf eine Karte setzen.“ Als Nachfolger benannte der Klub den früheren Nationalspieler Dariusz Wosz, der zuletzt die U 19 des VfL trainierte. „Ich war überrascht, habe aber keine Sekunde gezögert, ja zu sagen“, sagte Wosz. Er ist der vierte Cheftrainer des VfL in dieser Saison – nach Marcel Koller, Frank Heinemann und Heiko Herrlich.

Schon nach der Entlassung Kollers zu Beginn dieser Saison war Wosz gemeinsam mit Frank Heinemann eingesprungen, um die Zeit zu überbrücken, bis Herrlich die Freigabe vom DFB erhielt. Für die beiden verbleibenden Bundesligaspiele des VfL versprach Wosz einen Systemwechsel. Er wolle – auch am Samstag in München – erfrischenden Fußball mit zwei Stürmern spielen lassen. „Wir dürfen keinen Köttel in der Hose haben“, sagte der Interimstrainer.

Wosz besitzt zwar keine Fußballlehrerlizenz, hat aber reichlich praktische Erfahrung im Kampf um den Klassenverbleib. Als Spieler des VfL war er an drei von insgesamt fünf Abstiegen beteiligt, aber auch an einigen erfolgreichen Missionen. „Wir sind nach vielen Analysen und Gesprächen zu dem Entschluss gekommen, dass wir mit Wosz die größeren Chancen haben, unser Ziel zu erreichen“, sagte Sportvorstand Ernst.

Offenbar gab es seit längerem Risse im Verhältnis zwischen Herrlich und der Mannschaft; der Trainer soll Konflikte mit mehreren Führungsspielern ausgetragen haben, in der Kabine soll schon länger ein Reizklima geherrscht haben. In dieser Woche hatte sich die Kontroverse offenbar nochmals zugespitzt. Herrlich soll einen Wäschekorb durch die Kabine gekickt haben und die Spieler als „Osterhasen“ bezeichnet haben. Der Fußballtrainer bestreitet diese Vorwürfe, die laut einer Boulevardzeitung von mehreren Spielern bestätigt worden sind. Zweifel an seinem Wirken räumte auch Ernst, möglicherweise unfreiwillig, ein. Am Ende der Saison werde sich zeigen, „ob wir zwei Wochen zu spät reagiert haben“, sagte er.

In Erinnerung bleiben wird Heiko Herrlich in Bochum, wenn überhaupt, als der Trainer, der mit seiner Mannschaft nach einem Zwischenhoch neun Punkte Vorsprung vor dem Relegationsplatz verspielt hat. Ernst hatte ihn ausgewählt, weil er sich von Herrlich auch strategische Weitsicht beim Umbau des Vereins versprach. Doch der prinzipientreue Trainer erinnerte an einen Inneneinrichter, der die Möbel schon aufstellen will, bevor das Dach gedeckt ist. Nach zehn Spielen ohne Sieg soll nun Dariusz Wosz retten, was nur noch schwer zu retten ist. Wegen seiner spielerischen Klasse wurde er in Bochum und bei Hertha BSC einst als „Zaubermaus“ gefeiert.

Zauberkünste könnten auch bei seiner neuen Aufgabe nicht schaden.

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