Sport : Der liebe Trainer

Er war Europameister und musste als Nationalcoach trotzdem vorzeitig gehen. Zum Tod von Jupp Derwall

Hartmut Scherzer

Die Stimme klang zuletzt nicht so fröhlich, wie man sie von der im Saarland lebenden rheinischen Frohnatur kannte. Die bedrückte Stimmung hatte aber nichts mit altersbedingten Wehwehchen zu tun, wie er versicherte. Jupp Derwall sah mit seinem immer noch prächtigem Silberhaar auch bei weitem nicht aus wie ein alter Herr, der seinen 80. Geburtstag vor sich hatte. Eher zehn Jahre jünger. Wie ein flotter Siebziger. Mindestens. Das war vor gut einem Vierteljahr.

Die Herzoperation lag schon mehr als eine Dekade zurück. Auf dem Golfplatz zusammen mit seiner Frau hatte er sich danach gesund und fit gehalten. Der Altbundestrainer hatte zuletzt Durchblutungsstörungen, wie er erzählte. „Aber das Köpfchen ist noch hellwach“, sagte Derwall. Es war vielmehr ein schwerer Krankheitsfall in der Familie, der die Feststimmung zum runden Geburtstag verdarb. Daher war der Achtzigste im Schwarzwald auch nur „im kleinsten Familienkreis“ begangen und nicht gefeiert worden. Das war am 10.März.

Am Dienstag ist Jupp Derwall „nach kurzer, schwerer Krankheit“, wie es in einer Pressemitteilung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hieß, gestorben.

Der in Würselen bei Aachen geborene Jupp Derwall war der Nachfolger von Helmut Schön und vor Berti Vogts, vor Erich Ribbeck und vor Rudi Völler der erste Bundestrainer, der mit der DFB-Tradition hatte brechen müssen und vorzeitig aus dem Amt geschieden war. Das war 1984 nach dem frühen Ausscheiden bei der Europameisterschaft in Frankreich. Die letzte Minute des letzten Gruppenspiels Deutschland gegen Spanien am 20.Juni lief, als ein Kopfball Macedas zur 0:1-Niederlage des Titelverteidigers führte. „Derwall raus“, forderten in Paris deutsche Schlachtenbummler. Die Medien folgten. Franz Beckenbauer wurde bereits als Nachfolger präsentiert.

Der vorzeitigen Ablösung durch Beckenbauer fügte sich Derwall. „Gott, der Franz ist so eine Lichtgestalt. Der steht da oben. Da kommst du nicht dran vorbei“, hatte Derwall einmal rückblickend erzählt. Ganz ohne Groll.

Seine Erfolge mit der Nationalmannschaft kann ihm niemand absprechen – etwa die einzigartige Serie von 23 Länderspielen ohne Niederlage seit seinem Amtsantritt nach der WM 1978 mit dem 4:3-Sieg in Prag gegen die CSSR. Oder der Triumph von Rom, der Europameister-Titel 1980, das 2:0 im Finale gegen Belgien unter der Regie des genialen Bernd Schuster durch zwei Tore seines Lieblingsspielers Horst Hrubesch. Und dann wurde er Vize-Weltmeister 1982, auch wenn der Weg ins Finale im Bernabeu-Stadion von Madrid über skandalöse Eskapaden wie die „Schande von Gijon“, einen sportlichen Nichtangriffspakt der Nationalmannschaft mit Österreich, das brutale Foul Toni Schumachers gegen Battiston und das schlechte Benehmen der Spieler in der Öffentlichkeit führte. Die 1:3-Niederlage im Endspiel gegen Italien schien nur allzu gerecht.

Nach der Abberufung folgte die Flucht in die Türkei. Bei Galatasaray Istanbul stürzte sich Derwall sofort in die Arbeit. „Ich wollte nichts mehr hören, nichts mehr sehen, vor allem keine Zeitungen mehr lesen.“ Aus der Flucht wurde ein neuer, beinahe märchenhaft anmutender Aufstieg. Der gute Mensch vom Rhein wurde zum guten Menschen am Bosporus, er führte Galatasaray nach 17 Jahren wieder zum Meistertitel. In vier Jahren lernten die Türken Derwall lieben und schätzen: geradlinig, ehrlich, aufrichtig. Mit dem deutschen Fußball hatte er sich nach den Erfolgserlebnissen in der Türkei wieder versöhnt und manchmal mit Franz Beckenbauer auch Golf gespielt.

Der liebe Mensch Jupp Derwall behandelte alle in seiner Umgebung, vor allem die Fußballspieler, stets als liebe Menschen. Seine „lange Leine“ wurde legendär; sie nützte ihm nicht immer. Rückblickend hat Jupp Derwall seine Philosophie stets verteidigt: „Lange Leine heißt auch Vertrauen haben – und das hatte ich immer.“

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