Sport : Der logische Favorit

Berlins Chancen auf die Leichtathletik–WM sind gut – aber das heißt nichts

Frank Bachner

Berlin - Tim Mack ist doch noch planmäßig abgeflogen Richtung Knoxville, Tennessee. Aber es war knapp. Der Stabhochsprung-Olympiasieger hatte gestern verschlafen. Als man ihn in seinem Hotelzimmer weckte, hatte er noch eine Stunde Zeit bis zum Abflug in Tegel. In Rekordzeit fuhr man den 31-Jährigen, der seinen Sieg beim Istaf wohl ausdauernd gefeiert hatte, nach Tegel. In der Eile hatte er freilich seine Goldmedaille von Athen im Hotel vergessen. Sie liegt jetzt im Hotelsafe. Istaf-Meeting-Direktor Gerhard Janetzky wird sie Mack am Wochenende beim Grand-Prix-Finale in Monaco übergeben.

Mack kann sich darauf verlassen. Er kann sich bei Istaf-Chef Janetzky auch darauf verlassen, dass er die Gage erhält, die sein Manager für ihn ausgehandelt hatte. Als Rudi Thiel noch Istaf-Direktor war, gab’s nach den Meetings oft monatelang Streit übers Geld. Dass die Istaf-Verantwortlichen jetzt als zuverlässig gelten, spielt eine wichtige Rolle bei der Frage, wer 2009 die Leichtathletik-WM austragen darf. Der dauernde Streit ums Geld war einer der Gründe dafür, dass Berlin vor zwei Jahren überraschend den Kampf um die WM 2005 verloren hat, sagt Helmut Digel, der Vize-Präsident des Internationalen Leichtathletik-Verbands IAAF. Eine missratene Präsentation und ein politischer Streit sorgten für den Rest. Der neue IAAF-Präsident Lamine Diack bevorzugte Berlin, dadurch fühlten sich diverse Mitglieder des IAAF-Councils, die über die Kandidatur entscheiden sollten, bevormundet und votierten für Berlins Konkurrenten.

Solche Probleme gibt es jetzt nicht mehr. „Berlin hat die besten Chancen“, sagt Digel. „Die Bewerbung ist exzellent, die Unterstützung der Politik ist da, Berlin hat das schönste Leichtathletik-Stadion der Welt, ausgerüstet mit einer ausgezeichneten Sporttechnik.“ Vor allem aber „ist der Haushalt realistisch aufgestellt“. Der Etat hat einen Umfang von rund 45 Millionen Euro, Verluste in jeder Höhe begleicht die öffentliche Hand. Die schriftliche Bewerbung Berlins mit allen Details, die der IAAF jetzt vorliegt, ist jedenfalls fast identisch mit der Bewerbung um die WM 2005. Und bei ihrer Councilsitzung im November 2003 hätten die IAAF-Funktionäre „Berlin als weltoffene Stadt kennen gelernt“ (Digel). Zudem war das Istaf 2004 ein Erfolg. Von den offiziell 61 150 Zuschauern haben zwar nur „80 Prozent den normalen Ticket-Preis gezahlt“ (Janetzky), der Rest waren Frei- oder verbilligte Karten, aber die Atmosphäre war sehr gut.

Beim Istaf erklärte ein führendes IAAF-Mitglied inoffiziell sogar, Berlin habe die klar besten Chancen. Valencia zum Beispiel will ein angemessenes Stadion erst noch bauen. Und bei solchen Versprechen ist die IAAF inzwischen vorsichtig geworden. In Helsinki, wo die WM 2005 stattfindet, wird das Stadion trotz aller Ankündigungen kein Dach haben. Der Berlin-Konkurrent Split sei aus politischen Gründen nicht durchzusetzen, und nach Brüssel wolle eigentlich auch kaum jemand, sagte das IAAF-Mitglied.

Für Digel läuft alles auf einen „Zweikampf zwischen Brüssel und Berlin hinaus“. Für Brüssel spreche, dass die Stadt attraktiv sei und traditionell ein überaus erfolgreiches Golden-League-Meeting ausrichte. Allerdings fasst das Stadion nur rund 48 000 Zuschauer. Vor allem aber hat Deutschland 80 Millionen Einwohner. Das bedeutet einen enormen Markt für die Sponsoren. Die Marketingexperten der IAAF empfehlen den 27 Council-Mitgliedern, die abstimmen dürfen, sowieso, Weltmeisterschaften nur noch in Weltstädte zu verlegen.

Aber die Fakten allein „spielen bei der Vergabe nur zu 80 Prozent eine Rolle“, sagt Digel. Und der Rest? „Der Rest ist Psychologie.“

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