Sport : Der Lohn der Unvernunft

Die Franzosen hatten Tritte auf den kaputten Fuß angekündigt: Doch Richie McCaw spielt und führt Neuseeland zum Rugby-WM-Titel

 Felix Hofmann[Auckland]
Titeltanz. Kapitän Richie McCaw (Mitte) und die „All Blacks“ feiern nach dem 8:7 im WM-Finale den ersten Titel seit 1987.Foto: AFP
Titeltanz. Kapitän Richie McCaw (Mitte) und die „All Blacks“ feiern nach dem 8:7 im WM-Finale den ersten Titel seit 1987.Foto: AFPFoto: AFP

Richie McCaw war auf ein Knie gesunken, Blut tropfte von seiner Stirn, der kantige Kopf war gebeugt, er sah aus wie ein Krieger, der nach der Schlacht den Ritterschlag erwartete. Sekunden zuvor hatten er und seine Mannschaft ein ganzes Land glücklich gemacht und nach zwei Dutzend langen Jahren endlich, endlich, endlich wieder die Rugby-Weltmeisterschaft gewonnen. Nach einem hochdramatischen Finale siegten die „All Blacks“ 8:7 gegen die überraschend starken Franzosen.

McCaw konnte vor mehr als 60 000 Zuschauern im heimischen Auckland den Webb-Ellis-Pokal in die Höhe stemmen und dem von Naturkatastrophen und Unglücken heimgesuchten Land am anderen Ende der Welt einen wiederbelebenden Glücksmoment bescheren.

Für McCaw brachte der Sieg noch mehr Genugtuung als für jeden seiner Mitspieler. Vor vier Jahren war er schon Kapitän der Neuseeländer gewesen, als sein Team mit 18:20 im Viertelfinale gegen Frankreich das früheste Aus bei einer WM ereilte. Diesmal sollte er eigentlich gar nicht dabei sein, einer seiner Füße war nicht einmal zum Laufen geeignet, geschweige denn für Hochleistungssport, und wurde nur notdürftig von Schrauben zusammen gehalten. Die Franzosen hatten öffentlich angekündigt, dass sie sicher mal auf seinen Fuß treten würden, und praktisch jeder Arzt hatte dem 30-Jährigen von einem Einsatz abgeraten. Der erste Neuseeländer mit mehr als 100 Länderspielen aber ließ sich nicht abhalten und wurde am Ende für seinen an Unvernunft grenzenden Mut belohnt.

Die Franzosen hätten McCaw, den „All Blacks“ und allen Neuseeländern fast einen Strich durch die Rechnung gemacht. Nachdem sie kurz nach der Halbzeitpause durch einen Versuch ihres überragenden Kapitäns Thierry Dusautoir und die erfolgreiche Erhöhung den 8:0-Vorsprung der Gastgeber auf einen Punkt reduziert hatten, musste die vermeintlich beste Rugbymannschaft der Welt bis zur Schlussminute zittern. Angriff auf Angriff der Franzosen konnte nur von verzweifelten Abwehraktionen der „All Blacks“ abgeschmettert werden. In einer Phase des Spiels mussten die Neuseeländer 16 Mal hintereinander verteidigen, bis sie endlich den eiförmigen Ball wieder erobern konnten.

Ausgerechnet ein Reservespieler erzielte die letztendlich entscheidenden Punkte. Stephen Donald saß vor gut zwei Wochen noch beim Angeln am Waikato-Fluss, als sich Colin Slade verletzte, der seinerseits nur Ersatz für Superstar-Spielmacher Dan Carter war. Im Finale schlug die große Stunde des in England geborenen Donald, als Neuseelands dritte Wahl, Aaron Cruden, mit einer schweren Knieverletzung vom Feld humpelte. In der 45. Minute hielt die Nation den Atem an, Donald hielt dem Druck stand und verwandelte einen Strafkick zum 8:0, nachdem Tony Woodcock bereits in der 15. Minute der einzige Versuch des Matches gelungen war. Dass die heimische Mannschaft überhaupt als „All Blacks“ im Eden Park antreten durfte, verdankte sie übrigens den Franzosen, die die Wahl der Trikots hatten und freiwillig darauf verzichteten, ihre traditionellen blauen Jerseys überzustreifen und stattdessen in Weiß antraten und ihren Gegnern das berühmte Schwarz gestatteten.

„Ich bin so stolz auf meine Spieler", sagte McCaw, „sie haben unter enormen Druck gestanden.“ Das ganze Land und die gesamte Rugby-Welt hatte von den Neuseeländern den zweiten Titel erwartet, nachdem sie als ständige Favoriten bisher nur die erste WM überhaupt 1987 ebenfalls in Neuseeland gewonnen hatten. „Irgendeiner musste es ja schaffen, und wir haben es geschafft“, sagte McCaw und strahle. „Nun können wir in Ruhe sterben“, sagte sein sauertöpfischer Coach Graham Henry, der nach dem Sieg – ganz gegen sonstige Gewohnheit – sogar ein kleines Lächeln zeigte.

Die Franzosen mussten sich zum dritten Mal mit dem zweiten Platz zufrieden geben und müssen weiter auf Gold warten. Ihre Leistung im Endspiel aber war erstaunlich, nachdem sie im Vorrundenspiel mit einem 17:37 gegen Neuseeland noch gut bedient waren. Australien hatte bereits am Freitag mit 21:18 das Match um den dritten Platz gegen Wales gewonnen. Die nächste WM findet in vier Jahren in England statt.

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