Sport : Der Machtkampf

Jürgen Klinsmanns Aufräumarbeiten im deutschen Fußball gehen weiter – zum Leidwesen des DFB

Michael Rosentritt

Berlin - Wie wenig Jürgen Klinsmann von der Planung der WM 2006 hält, hatte er seinem Arbeitgeber, dem Deutschen-Fußball-Bundes (DFB), schon vor ein paar Tagen mitgeteilt. Der neue Bundestrainer möchte mit seiner Mannschaft nicht im noch von seinem Vorgänger Rudi Völler ausgesuchten Schlosshotel Lerbach in Bergisch Gladbach logieren. Und eigentlich will er auch nicht, dass die deutsche Elf in München das WM-Eröffnungsspiel bestreitet.

Was den normalen Fußball-Fan nicht weiter stört, trifft den Sportverband an seiner empfindlichsten Stelle: dem bisher so fein austarierten Machtgefüge. Klinsmann rüttelt an diesem Gebilde, fordert eigene, sehr weit reichende Entscheidungsbefugnisse. Die DFB-Führung wiederum, nun zwischen die Fronten geraten, hüllte sich zwei Tage lang in Schweigen. Derweil protestieren die Betroffenen in Leverkusen und München weiter. In Leverkusen sieht sich die Bayer-AG verprellt. Der Verein und der Konzern hätten sich mit Geld und Personal verdient gemacht um den deutschen Fußball und pochen daher auf die Zusicherung, dass die deutsche Elf während der WM in der Bayarena trainiert. In diesem Fall wäre das Stadionhotel mit Journalisten ausgebucht und der Verein wochenlang im Blickfeld der Öffentlichkeit – ein enormer Werbeeffekt für den Konzern. Der wirft dem DFB „Vertragsbruch und Stillosigkeit“ vor. Und in München, wo nach Klinsmanns Wünschen das WM-Auftaktspiel ohne Deutschland stattfinden soll, poltert Oberbürgermeister Ude: „Kampflos werden wir das nicht hinnehmen.“

Heute wird Klinsmann aus Los Angeles kommend in Leverkusen anlässlich des Spiels gegen Real Madrid vorbeischauen. Dort soll es mit ihm zu einer „Unterredung“ kommen, wie es in DFB-Diktion heißt. Der Verband schickt seinen Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder und Horst R. Schmidt als Unterhändler ins Rennen. Schmidt ist Generalsekretär und die allseits geschätzte Geheimwaffe des DFB. Auf sein diplomatisches Geschick setzt der Verband, um noch zu retten, was zu retten ist. Vor dem Treffen mit Klinsmann sagte Schmidt, „dass der DFB gegenüber Bayer Leverkusen und der Bayer AG im Wort steht“. Wolfgang Holzhäuser, Geschäftsführer von Bayer Leverkusen, besteht seinerseits auf einem Gespräch mit Mayer-Vorfelder, um „die vertraglichen Vereinbarungen und die Vorstellungen von Jürgen Klinsmann in Einklang zu bringen“.

Aber lässt sich überhaupt noch etwas in Einklang bringen? Wie soll ein Kompromiss aussehen? Die Befugnisse und Vollmachten des neuen Bundestrainers sind sehr umfangreich. Diese sicherte der DFB Klinsmann beim ersten gemeinsamen Treffen vor der Amtsübernahme in New York zu. Rudi Völler hatte mit seinem Rückzug als Teamchef den DFB in eine sehr schwierige Situation manövriert. Nachdem Hitzfeld und Rehhagel abwinkten, hatte der DFB keine aktive Lösung für die Völler-Nachfolge parat. Das bestätigten Franz Beckenbauer und Mayer-Vorfelder. Durch „Zufall“, wie beide sagten, kamen Klinsmann und Bierhoff ins Spiel. Der DFB musste zugreifen, war aber auf das, was folgte, nicht vorbereitet. Klinsmann schon. Der fragte aber nicht danach, wie gut die deutschen Spieler sind, sondern er hinterfragte Personal, Strukturen, Abläufe und Planungen des DFB.

Der neue Wind passt nicht jedem beim DFB. Erst wurde Teammanager Bernd Pfaff nach 46 Jahren im Verband durch Oliver Bierhoff ersetzt. Dann wurde U-21-Trainer Uli Stielike degradiert und Völlers Assistent Michael Skibbe aussortiert. Selbst Beckenbauers Wunschkandidat für den Assistenztrainerposten, Holger Osieck, verhinderte Klinsmann. Er holte sich Joachim Löw.

Klinsmanns Aufräumarbeiten werden beim DFB auch mit Argwohn verfolgt. Intern wird dem neuen Gespann vorgeworfen, zu wenig die Erfordernisse zu kennen. Klinsmann solle ruhig jeden Stein beim DFB umdrehen, „und die, die vorher schon richtig gepasst haben, wieder dort hinlegen“, sagte Mayer-Vorfelder. Klinsmann werde die Erfahrungen machen, „dass man sich, wenn man viel bewegen will, einen blutigen Kopf holen kann.“ Klinsmann geht dieses Risiko ein. Gestern machte er sehr deutlich, dass er „das letzte Wort bei der Wahl des Quartiers für die WM 2006“ habe. Er habe zwar „großen Respekt vor Bayer, das viel für die WM-Bewerbung getan habe, aber letztlich entscheidet der Trainerstab“. Das klingt nach einem Machtwort.

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