Sport : Der Mann dahinter

Bei der Vierschanzentournee steht Martin Schmitt im Schatten von Titelverteidiger Sven Hannawald

Benedikt Voigt

München. Etwas war anders, als Martin Schmitt am vergangenen Sonntag in Engelberg im Zuschauerraum stand und zusehen musste, wie die besten 30 Skispringer über die Schanze rauschten. Zwar hatte er in diesem Winter schon öfter das Gefühl kennen lernen müssen, nicht dabei zu sein, wenn die anderen ihren Sieger suchen. Wegen seiner Verletzungspause hatte er die ersten Weltcupspringen vor dem Fernseher verfolgt oder als Kommentator für den Fernsehsender ARD begleitet. Und trotzdem war etwas anders, als Schmitt in Engelberg das Finale der besten 30 Springer erneut nur als Zuschauer erlebte. Diesmal hatte er es versucht.

Martin Schmitt springt wieder. Er wird am kommenden Samstag dabei sein, wenn sich in Oberstdorf die besten Skispringer dieser Welt für das erste Springen der Vierschanzentournee qualifizieren wollen. Dabei war das Comeback von Martin Schmitt pünktlich zum ersten Saisonhöhepunkt nicht immer selbstverständlich.

„Ich war nicht so optimistisch, dass wir den Martin zur Vierschanzentournee hinkriegen“, sagte Bundestrainer Reinhard Heß noch vor kurzem. Doch es kam anders. In Engelberg absolvierte der 24-Jährige bereits zwei Weltcupspringen. Im ersten kam er auf Rang 16, beim zweiten Springen musste er als 33. nach dem ersten Durchgang beim Finale zusehen. Trotzdem war er zufrieden. „Der Einstieg in den Weltcup war eine gute Entscheidung“, sagte Schmitt, „ich kann mit den Besten mithalten und habe noch Reserven."

Im September hatte sich Schmitt das rechte Knie operieren lassen. Seit zwei Jahren hatte er Schmerzen am Gelenk, eine Diagnose ergab Überlastungen an der Patellaspitze als Ursache. Schmitt versuchte zunächst alternative Heilmethoden zum Muskelaufbau – mit ersten Erfolgen. Doch als die Schmerzen im Sommertraining wiederkamen, entschloss er sich zur Operation.

Für den Einstieg zu Saisonbeginn Ende November war es bereits zu spät. Nicht aber für die Vierschanzentournee. Doch inzwischen schmerzt Schmitt auch das linke Knie. Bei einem Auftritt im „ZDF-Sportstudio“ gab Schmitt der Weitenjagd in den Wettbewerben eine Teilschuld daran. Die guten Springer müssten immer weitere und spektakulärere Sprünge stehen. Das bringe eine höhere Verletzungsgefahr. Auch die Spitzenspringer Sven Hannawald und Adam Malysz waren im Sommer knieverletzt, was Schmitts These zu bestätigen scheint. Doch es gibt auch andere Stimmen. Doppelolympiasieger Simon Ammann sagte der „FAZ": „Die Belastung im Training ist um einiges höher als im Wettkampf.“ Es spricht jedoch für Schmitt, dass er sich in dieser Frage mit dem Ausrichter, dem Skiweltverband Fis, anlegt.

Martin Schmitt ist mit seinen 24 Jahren sehr reif. Er hat schon einiges erlebt. Vier Weltmeistertitel sammelte er, einmal gewann er den Weltcup, eine Silber- und eine Goldmedaille bleiben ihm von den Olympischen Spielen in Nagano und Salt Lake City. Es ist noch gar nicht so lange her, da war Martin Schmitt der Liebling der Massen. Exakt vor einem Jahr zählte er zu den großen Favoriten auf den Gewinn der Vierschanzentournee. Doch es kam ganz anders. Es kam Sven Hannawald. Er übertraf fast alle Rekorde, die Martin Schmitt bislang aufgestellt hat.

Als erster Skispringer in der Geschichte der Vierschanzentournee gewann Hannawald alle vier Wettbewerbe. Die einzige deutsche Einzelmedaille bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City holte er. Und seit Sonntag darf sich Hannawald auch mit dem Titel schmücken, den Schmitt drei Jahre zuvor gewann: Sportler des Jahres.

Martin Schmitt ist nur noch die Nummer zwei im deutschen Team. Eine Rolle, an die er sich gewöhnen musste. Ziemlich lange dauerte es im vergangenen Jahr, bis er sich von der schwachen Leistung bei der Vierschanzentournee erholt hatte. Seine beste Leistung war noch jener Sprung in Park City, mit dem er dem deutschen Team einen Vorsprung von 0,1 Punkten und damit die Goldmedaille rettete. Erst zu Saisonende gelang dem einstigen Dauersieger in Lahti der einzige Weltcupsieg der vergangenen Saison.

Das alles macht ihn bei der diesjährigen Vierschanzentournee zum ersten Mal zu einem Außenseiter. „Ich bin jetzt vielleicht bei 80 Prozent meiner Leistungsfähigkeit angelangt“, sagt Schmitt. Weil ihm die Weltcuppunkte fehlen, muss sich Schmitt im Gegensatz zu den Weltcupbesten in Oberstdorf erst für das Springen qualifizieren. Auch fehlt ihm noch die Kraft beim Absprung. Trotzdem sagt der Bundestrainer: „Er ist besser als seine Platzierungen."

Der Fernsehsender RTL, der die Vierschanzentournee live überträgt, wirbt für seine Sendungen mit farbigen Anzeigen, auf denen die beiden besten deutschen Skispringer der vergangenen Jahre zu sehen sind. „Helden des Winters“ nennt der Sender die beiden Sportler. Vorn auf dem Foto steht mit verschränkten Armen Sven Hannawald. Entschlossenheit soll dieses Foto ausdrücken. Auch Martin Schmitt ist auf dem Foto abgebildet, allerdings steht er nicht neben Sven Hannawald. Sondern dahinter.

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