Sport : Der Mann für große Momente

Hertha BSC ist inzwischen so stabil, dass die Mannschaft noch mehr von Marcelinho profitieren kann

Stefan Hermanns[Leverkusen]

Es passiert nicht allzu oft, dass Marcelinho nach einem Fußballspiel den Unmut seiner Vorgesetzten zu spüren bekommt. Am Samstag aber, in Leverkusen, hat der Brasilianer sich den Zorn von Michael Preetz, dem Assistenten der Geschäftsführung bei Hertha BSC, zugezogen. Das Spiel des Berliner Bundesligisten gegen Bayer war bereits beendet, Marcelinho trug den nadelgestreiften Ausgehanzug seines Klubs und beantwortete vor dem Kabinengang die Fragen der Journalisten. Neben ihm übersetzte der Dolmetscher des Klubs die Fragen vom Deutschen ins Portugiesische und die Antworten vom Portugiesischen ins Deutsche. „Red Deutsch!“, rief Preetz im Vorübergehen. „Der kann das doch.“

Dass Marcelinho einiges kann, ist inzwischen bekannt. Dass er auch die Konversation in deutscher Sprache beherrscht, hat er bisher erfolgreich vor der Öffentlichkeit verborgen. Interviews gibt Marcelinho nur in seiner Muttersprache, vermutlich aus Furcht, sich zu blamieren. Dabei ist der Brasilianer ein Mensch, der seine Qualitäten eigentlich sehr offensiv auslebt. Zumindest auf dem Fußballplatz.

So war es auch in Leverkusen. Nach 13 Minuten lag Hertha in der Bayarena 0:2 zurück, zudem hatte Dick van Burik die Rote Karte gesehen. Das Spiel war so gut wie verloren. Eine Viertelstunde später stand es 2:2 – durch zwei Tore von Marcelinho. Als er in der 83. Minute völlig entkräftet vom Platz ging, führte Hertha sogar 3:2, im nächsten Spielzug fiel der Ausgleich, weil der gerade eingewechselte Alexander Madlung sich in einem Zweikampf mit Schneider nicht besonders geschickt angestellt hatte. Marcelinho ging über diese Unzulänglichkeit nach dem Spiel sehr diplomatisch hinweg: „Ich habe die Aktion nicht so gut gesehen.“

Die Statistik spricht also für einen Rückfall in jene Zeiten, in denen der Erfolg des Berliner Bundesligisten ausschließlich von Lust und Laune Marcelinhos abhängig gemacht wurde. Hertha hat diese Phase für längst überwunden gehalten, am Tag nach dem Spiel aber schlug die „Bild am Sonntag“ vor, den Verein in „Herthalinho“ umzubenennen.

„Natürlich freuen wir uns, dass wir einen wie Marcelinho haben“, sagte Manager Dieter Hoeneß. Der Punktgewinn aber hatte in seinen Augen mehr Gründe als nur den Brasilianer. Einige Spieler hatte er „wirklich hervorragend gesehen“. Andreas Neuendorf zum Beispiel, der für den gesperrten Yildiray Bastürk spielen durfte, das 1:2 mit einem feinen Pass einleitete und das 3:2 selbst schoss. Arne Friedrich, der nach zuletzt schwachen Spielen in der Defensive äußerst sicher stand. Und Malik Fathi, der nach dem Platzverweis gegen van Burik auf die ungewohnte Position des Innenverteidigers rückte und gegen Andrej Woronin fast jeden Zweikampf gewann. „Die ganze Mannschaft hat sich ein Kompliment verdient“, sagte Marcelinho.

Hoeneß hat schon in der Vergangenheit immer wieder dem Gerede von dem ungesunden Abhängigkeitsverhältnis widersprochen. Und auch wenn es beim ersten Blick anders aussieht – das Spiel in Leverkusen vermag seine Ansicht nicht zu widerlegen. Die Mannschaft hat bewiesen, dass sie auch ohne Marcelinho funktioniert: Vor allem im Mittelfeld hat das Team ein stabiles Gleichgewicht gefunden. Das schließt jedoch nicht aus, dass für die großen Momente auch weiterhin Marcelinho zuständig ist. Der Brasilianer kann jetzt an der Schnittstelle zwischen Mittelfeld und Sturm spielen und ist für den Gegner nur schwer zu fassen. Zwölf Tore hat er erzielt, so viele wie die echten Stürmer Klose, Makaay und Berbatow, aber auch schon elf vorbereitet.

Die Mannschaft ist inzwischen gefestigt genug, um die Extravaganzen des Brasilianers zu tragen. Das war in der vorigen Saison nicht der Fall, als Hertha eine Ordnung suchte und Marcelinho manchmal nicht nur den Gegner verwirrte, sondern auch das eigene Team. In Leverkusen machte er ein überragendes Spiel. „Er ist unheimlich viel gelaufen, war bei jedem Konter dabei“, sagte Trainer Falko Götz.

Einmal, in der ersten Halbzeit, landete ein Pass des Brasilianers ziemlich weit entfernt von seinem Bestimmungsort im Aus. Götz und sein Assistent Andreas Thom sprangen beide gleichzeitig von der Bank auf und applaudierten Marcelinho für seinen Versuch. Wer viel versucht, darf auch mal einen Fehler machen.

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