Sport : Der Mann vom Schalter

Amerikas vorerst letzte Schwergewichtshoffnung Calvin Brock arbeitet in der Bank of America

Hartmut Scherzer[New York]

Der eine heißt „The Beast“. Der andere nennt sich „The Boxing Banker“. Beide werden von demselben Mann trainiert. Da könnte man meinen, Boxlehrer Tommy Yankello schickt seine Fighter in den falschen Kampf. Das Biest Brian Minto (31) ist der Comeback-Gegner von Axel Schulz am 25. November in Halle (Westfalen), der Banker Calvin Brock (31) der Herausforderer von Wladimir Klitschko am Samstag (Ortszeit) im New Yorker Madison Square Garden.

Was soll man von einem Schwergewichtler halten, der in der Branche der Stahlhämmer und Eisenfäuste (die Markennamen der Klitschkos) die Vornehmheit seines Berufes im Kampfnamen heraushebt? Nomen est omen. Der schwarze Boxer mit dem dezenten Oberlippen- und Kinnbart sieht auch so aus, wie er sich nennt. Ein studierter Banker ist eben kein klobiger Haudrauf.

Calvin Brock liefert nicht die übliche Geschichte wie etwa seit einer Woche Shannon Briggs, der Überrschungs-Weltmeister der WBO. Brocks Background sind nicht Ghetto oder gar Knast, sondern High School und College. Mit Abschlussexamen. „Viele halten Brocks für den hoffnungsvollsten Schwergewichtler der USA“, schreibt „USA Today“, ohne sich diese Ansicht zu eigen zu machen. Calvin Brock hat jedenfalls festgestellt: „Hinter mir kommt kein Hoffnungsvoller mehr.“

Aber auch der übertragende Bezahlsender HBO scheint nicht so recht an diese einzige amerikanische Hoffnung zu glauben. Calvin Brock ist ein nationaler Nobody. Sein Bekanntheitsgrad und die Werbewirksamkeit für diesen Weltmeisterschaftskampf des Verbandes IBF sind gleich null. Auf den Plakaten und Anzeigen von HBO fehlt das Bild des Herausforderers. Die Propaganda ist eine Ein-Mann-Wladimir-Klitschko-Show, so, als würden nicht zwei zu einem Boxkampf gehören. Leicht pikiert reagierte der Underdog. „Es ist wichtig, dass die Fans einen amerikanischen Schwergewichts-Champion haben. Denn das ist die Klasse, die die Leute veranlasst, sich für Boxen zu interessieren“, sagte Brock. Mit dem gleichen Enthusiasmus, mit dem er Kunden am Scheckschalter der Bank of America den Kontostand vorträgt, verkündete Brock auf der Pressekonferenz die eigenen Qualitäten: „Ich bin besser als jemals zuvor. Mental, physisch, technisch, emotional. Ich bin zu hundert Prozent bereit, um meinen Traum zu erfüllen, Weltmeister im Schwergewicht zu werden.“

Sein Traum, 2000 Olympiasieger in Sydney zu werden, war schnell geplatzt. Schon in der Vorrunde scheiterte Brock an Paolo Vidoz: Abbruch in der vierten Runde wegen zu großer Überlegenheit des Italieners. Der Kampfrekord als Profi ist hingegen noch makellos: 29 Kämpfe, 29 Siege, 22 durch Knockout. Unter den Besiegten – jeweils nach Punkten – sind Jameel McCline (von Wladimir Klitschko ausgeknockt) und zuletzt – vor fünf Monaten – der bis dahin ungeschlagene Russe Timor Ibragimow die Bekanntesten. Einen Gegner nur annähernd vom Kaliber Klitschkos hatte Brock freilich noch nicht vor den Fäusten. Er ist 7,5 Kilogramm leichter und 12 Zentimeter kleiner als Klitschko (109,2 Kilogramm/2,00 Meter). Seit seinem zwölften Lebensjahr boxt Brocks. Sein Vater bildete sich eigens zum Boxlehrer aus, um den Sohn zu trainieren, nachdem der Junge im Boxklub seiner Heimatstadt Charlotte, North Carolina, die ersten vier Kämpfe verloren hatte. 147 Amateursiegen stehen 38 Niederlagen gegenüber. Vater Calvence Brocks (54) wird auch am Samstag zusammen mit Yankello in der Ecke stehen. Banker, Boxer, Baptisten-Prediger, Stepptänzer, seit drei Monaten Ehemann – Calvin Brock ist vielfältig und vieles, nur kein Biest wie sein weißer Kumpel Brian Minto. Gut für Wladimir! Schlecht für Axel?

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