Sport : Der Marathonmann ist am Ziel

Dennis Seidenberg siegt mit Boston in Vancouver und gewinnt als zweiter Deutscher den Stanley Cup

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Berlin - Ein fester Händedruck, ein paar aufmunternde Worte, mehr war nicht drin. Dennis Seidenberg blieb nach dem entscheidenden siebten Finalspiel in der nordamerikanischen NHL nur kurz Zeit, um seinen Freund Christian Ehrhoff zu trösten. Der deutsche Verteidiger hatte soeben durch einen 4:0-Sieg seiner Boston Bruins bei den Vancouver Canucks die Meisterschaft gewonnen, und Seidenberg war die Aufregung vor der Pokalübergabe deutlich anzusehen. Wenige Augenblicke später stemmte er dann vor den Kameras mit einem lauten Jubelschrei den Stanley Cup in die Luft.

Das Umfassen der riesigen Trophäe bereitete ihm kaum Mühe, es schien, als hätte er den Moment in Gedanken schon geprobt. Dabei sah es lange nicht danach aus, dass ausgerechnet Dennis Seidenberg einmal als zweiter Deutscher nach Uwe Krupp 1996 den wichtigsten Pokal im Eishockey gewinnen würde.

Es war im Winter 2004, als sich Seidenberg im Training das linke Bein brach. Die Verletzung hätte schwerer kaum sein können, Seidenberg benötigte Zeit, doch die gibt es in der stärksten Liga der Welt nicht. Bis dahin hatte er für die Philadelphia Flyers, ein Traditionsteam und Titelkandidat, eine gute Saison gespielt. Das zählte nun nicht mehr. Als er wieder fit war, bestritt Seidenberg nur noch wenige Spiele in der ersten Mannschaft. 2006 transferierten ihn die Flyers zu Trainer Wayne Gretzky und den Phoenix Coyotes in die Wüste. Zum ersten Mal in seiner Karriere erlebte der Verteidiger ein Tief, in Phoenix spielte er kaum. Dabei war es bis dahin immer steil nach oben gegangen: als 20-Jähriger Deutscher Meister mit Mannheim, dann der Wechsel nach Nordamerika. Ein Höhepunkt jagte den nächsten. Dann kam die Verletzung. Die glücklose Zeit in Phoenix und den anschließenden Wechsel zu den Carolina Hurricanes bezeichnete Seidenberg später „als lehrreiche Zeit“, da er zum ersten Mal eine schwierige Phase zu bewältigen hatte.

„Für einen Spieler, der nicht als ganz großes Talent in die Liga kommt, ist so ein Werdegang eigentlich ganz normal“, sagt der kanadische Eishockey-Experte Lyle Richardson. „Sowieso dauert es bei Verteidigern meist etwas länger, bis sie den Durchbruch schaffen. Sie leben nicht so sehr von der Schnelligkeit wie Angreifer, sondern benötigen Erfahrung, um ihr Spiel zu optimieren.“

Inzwischen hat Dennis Seidenberg sein Spiel mehr als nur optimiert. Niemand aufseiten der Boston Bruins stand in den Play-offs durchschnittlich länger auf dem Eis. Auch im entscheidenden siebten Spiel in Vancouver brachte es der Deutsche mit der Nummer 44 auf knapp 29 Minuten Spielzeit – mehr als jeder andere. Warum Bostons Trainer Claude Julien so viel von Seidenberg hält, wurde in Vancouver schnell ersichtlich. Der Mann aus dem Schwarzwald warf sich furchtlos in die Schüsse der Canucks-Angreifer und leistete auch in der Offensive seinen Beitrag. Bei den Toren zum 2:0 und 3:0 durch Brad Marchand und Patrice Bergeron leistete er die Vorarbeit. Bostons Torwart Tim Thomas, der nach dem Spiel als bester Spieler der Finalserie ausgezeichnet wurde, lobt seinen Teamkollegen als „unglaublichen Arbeiter“.

Während Dennis Seidenberg mit seinen Teamkollegen feierte, schaute Christian Ehrhoff traurig zu. Dreimal hatte er mit Vancouver in der Serie geführt, doch am Ende hatten die Canucks den Bruins nichts entgegenzusetzen. Obwohl sie im entscheidenden Spiel vor den eigenen Fans von Boston gedemütigt wurden, feierten die Zuschauer in Vancouver ihre Mannschaft nach Spielschluss mit lautstarken „Go Canucks Go“-Rufen und applaudierten Boston zum Cupgewinn. Außerhalb der Halle blieb es nicht so friedlich. In Vancouvers Innenstadt randalierten einige Anhänger, zündeten Autos an und warfen Scheiben ein.

Dennis Seidenberg bekam von alldem nichts mit. Demnächst wird er den Stanley Cup für einen Tag mit nach Hause nehmen können, so will es die Tradition. Ob er den in seiner Heimatstadt Schwenningen verbringen würde, wurde er nach Spielschluss gefragt. „Keine Ahnung, das wird sich erst in den nächsten paar Tagen rauskristallisieren“, sagte Seidenberg. Zeit wäre es. Es heißt, Dennis Seidenberg hätte seit fünf Jahren nicht mehr in Schwenningen vorbeigeschaut.

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