• Der Meistertrainer im Interview: Jürgen Klopp: "Wir sind Herausforderer, kein Titelverteidiger"

Der Meistertrainer im Interview : Jürgen Klopp: "Wir sind Herausforderer, kein Titelverteidiger"

Borussia Dortmunds Trainer Jürgen Klopp über die Ziele in der Saison nach der Meisterschaft, die Champions League und 15 Millionen Euro Ablösesumme für einen 18-Jährigen.

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Jürgen Klopp, 44, trainiert seit 2008 den Fußball-Bundesligaklub Borussia Dortmund. Zuvor arbeitete er sieben Jahre als Trainer beim 1. FSV Mainz 05, wo er auch die längste Zeit seiner Spielerkarriere verbracht und 325 Spiele in der Zweiten Liga absolviert hatte. Er schoss dabei 52 Tore. An der Universität Frankfurt am Main schloss er während seine Karriere ein Studium als Diplom-Sportwissenschaftler ab.
Jürgen Klopp, 44, trainiert seit 2008 den Fußball-Bundesligaklub Borussia Dortmund. Zuvor arbeitete er sieben Jahre als Trainer...Foto: dapd

Herr Klopp, hat Sie der Gewinn der Deutschen Meisterschaft in irgendeiner Weise verändert?

Nö, das glaube ich nicht. Es waren einfach zwei, drei überragende Festivitäten zusätzlich in meinem Leben, die ich so nicht hätte erleben können. Aber sonst ist alles gleich geblieben in meinem Leben.

Es heißt, die größten Fehler werden im Erfolg begangen.

Ich weiß nicht, wo dieser Spruch herkommt. Aber ich kann Ihnen versichern, dass wir kein Prozent an Dampf verloren haben. Wir haben gute Entscheidungen getroffen, die im Übrigen auch so ausgefallen wären, wenn wir Dritter geworden wären. Wir haben uns fest vorgenommen, bei unseren Personalentscheidungen mutig zu bleiben. Wir haben uns für die Bundesliga gewappnet, alles andere sehen wir dann.

Mit Verlaub, das klingt gewöhnungsbedürftig bei Ihrem Ehrgeiz. Sie haben in der letzten Saison mit dem Dortmunder Kindergarten die Bundesliga durcheinander gewirbelt, da müsste es doch der Anspruch sein, das nun auch auf der internationalen Bühne zu schaffen.

Wir wollen da schon eine ordentliche Rolle spielen. Warum die Belastung in der Champions League so viel größer sein soll, hat mir abschließend noch niemand erklären können. Dennoch wäre es absoluter Quatsch, davon auszugehen, wir marschieren da locker durch. Für uns ist dieser Wettbewerb Neuland. Allerdings sollte es für jeden Gegner richtig unbequem sein, gegen uns zu spielen, wenn wir unsere Waffen auspacken.

Hat Ihr Team zuletzt beim Scheitern in der Europa-League-Vorrunde etwas gelernt?

Das glaube ich schon. Vor allem beim Spiel in Sevilla, die haben ja so dermaßen auf Zeit gespielt, dass wir zwischendurch überlegt haben, Jacken auszuteilen, damit die Jungs nicht frieren. Das ist zwar nicht das, was du erleben willst, aber du machst dabei wichtige Erfahrungen.

Borussia Dortmund hat erstmals in Ihrer Zeit ein Saisonziel ausgegeben. Es lautet: Erreichen eines internationalen Wettbewerbs. Das klingt reichlich bescheiden.

Wir haben das intern so abgesprochen, weil wir dahinter stehen. Wenn du dich maximal verausgabst, kannst du auch dann zufrieden sein, wenn du nicht das Optimum erreichst. Wir sind der erste Meister in der Geschichte der Bundesliga, der nicht als Titelverteidiger in die Saison geht, sondern als Herausforderer. Unser Anspruch bleibt, weiter maximal gegen den Ball zu arbeiten.

Es scheint als hätten Ilkay Gündogan und Ivan Perisic Anpassungsprobleme. Haben die Neuzugänge Ihre Philosophie schon verinnerlicht?

Ich habe zu hundert Prozent den Eindruck. Gündogan hatte zu Beginn der Vorbereitung ein bis zwei Kilo zu viel, was eine Folge davon ist, dass er aufgrund seiner Probleme am Fuß nur eingeschränkt arbeiten konnte. Und Perisic ist der klassische Fall, wie ich ihn seit zehn Jahren erlebe: Er ist an diese Intensität nicht gewöhnt. Er geht in der Vorbereitung durch ein tiefes Tal. Er spürt derzeit jeden Meter, den er läuft.

Es heißt, Ihre Saisonvorbereitung sei härter denn je.

Das habe ich persönlich nie behauptet. Ausdauer ist keine Schraube, an der du immer weiter drehen kannst. Dennoch musst du versuchen, das nächste Level zu erreichen. Wir sind dazu in der Lage, weil das Ausgangsniveau, mit der die Jungs in die Vorbereitung einsteigen, enorm hoch ist. Allerdings ist auch der Mut zur Pause eine elementar wichtige Erkenntnis.

Ihre Art zu arbeiten gilt in der Branche mittlerweile als beispielgebend.

Wir sind Meister geworden, an wem sollten sich die anderen sonst orientieren? Ich bin bei der Beurteilung meiner Arbeit sehr entspannt. Da wird mir sowieso zu viel an der Oberfläche gekratzt, anstatt in die Tiefe zu gehen.

Es gab während Ihrer Dortmunder Zeit jedes Jahr eine Steigerung. Jetzt stehen Sie mit dem BVB ganz oben. Wird das Ihre schwierigste Saison?

Sicherlich nicht die leichteste. Ich bin ja nicht völlig verblödet und weiß, dass es kaum möglich ist, Platz eins zu toppen. Dennoch haben wir Ziele: Wir wollen die Qualität der einzelnen Spieler und der Mannschaft steigern. Wenn einer meiner Spieler auf seine Karriere zurückblickt und müsste sagen, mein bestes Jahr hatte ich mit 21, wie bescheuert wäre das denn?

Ihr Angebot an Spielern ist vor allem im Mittelfeld größer geworden. Werden Sie dem Rechnung tragen und häufiger wechseln?

Ich werde schon rotieren, schließlich haben unsere Nationalspieler eine Vierfach-Belastung. Ich werde nicht die halbe Mannschaft wechseln, aber punktuell. Wenn ich allerdings merke, dass die ersten elf die besten sind, werden die durchspielen. Aber das wird nicht passieren.

In Dortmund sind die mageren Jahre vorbei. Denken Sie wieder über teure Transfers nach?

Unser Budget ist vorgegeben, es wird von unserem Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke durchgerechnet, und ich akzeptiere das. Ohne Wenn und Aber. Wir haben tatsächlich schon mal drüber nachgedacht, 15 Millionen für einen 18-Jährigen auszugeben. Wir haben uns dagegen entschieden.

Auch, weil die Erwartungshaltung an einen jungen Mann bei einer solchen Ablöse unermesslich wäre?

Das spielt sicherlich eine Rolle. Schauen Sie sich das Beispiel Marcus Berg an: Ein Verrückter, der bei der U21 für Schweden alles getroffen hat. Und dann, als er beim HSV war, hattest du plötzlich das Gefühl, man müsste ihm alles neu beibringen. Das hatte sicherlich auch etwas mit der enormen Ablösesumme zu tun. Auch das ist ein Grund dafür, dass wir unserer Linie treu bleiben. Selbst wenn wir jetzt in der Champions League spielen.

Das Gespräch führte Felix Meininghaus.

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