Der Meistertraum lebt weiter : Hertha hebt sich hoch

Nach dem 2:0 gegen Bochum fehlt den Berlinern nur noch ein Punkt zur Tabellenspitze. Pantelic und Raffael schießen die Tore zum glanzlosen, aber nie gefährdeten Sieg.

Sven Goldmann
Hertha
Huckepack blau-weiß. Patrick Ebert (unten) feiert Marko Pantelic, der den ersten Treffer erzielte. -Foto: dpa

BerlinDa war es nur noch einer. Ein einziger Punkt, der Hertha BSC von Platz eins in der Fußball-Bundesliga trennt. Nach dem 2:0 (1:0)-Sieg gegen den VfL Bochum scheint nichts mehr unmöglich in diesem Frühling, nicht einmal die Meisterschaft, nachdem am Samstag der lange Zeit so souveräne VfL Wolfsburg auch in Stuttgart strauchelte. 71 323 Zuschauer im Olympiastadion bejubelten Tore von Marko Pantelic und Raffael. Es war das nächste Kapitel der Berliner Erfolgsgeschichte, die zehn Minuten vor Schluss auch noch eine anrührende Komponente bekam, als Trainer Lucien Favre seinen Mittelfeldspieler Lucio einwechselte. Der Brasilianer feierte 20 Monate nach seiner schweren Knieverletzung ein Comeback in der Bundesliga.

Favre mochte abermals nicht von der Meisterschaft reden und prach von einem "schweren Stück Arbeit, es ist alles möglich, nach oben, aber auch nach unten". In der Tat war es in großem Rahmen ein typisches Hertha-Spiel mit allerdings untypischen Extremen. Lange Zeit reduzierten die Berliner den ästhetisch anspruchsvollen Teil ihrer Performance auf ein Minimum und schufen gleichzeitig vorn ein Maximum an gefährlichen Situationen. Einmal, nach einem schönen Flankenlauf von Patrick Ebert, vergaben erst Raffael und dann Andrej Woronin aus bester Position, ein anderes Mal traf der frei gespielte Raffael den Ball nicht richtig, und auch dem Führungstor ging eine leichtfertig vergebene Chance voraus. Woronin war der Delinquent, er bekam den Ball frei vor dem Bochumer Torhüter Daniel Fernandes nicht an diesem vorbei.

Es spricht für den Killerinstinkt der Berliner, dass sie in dieser Szene nicht aufsteckten, sondern konsequent weiterspielten. Von Fernandes sprang der Ball zurück zu Ebert, der, diesmal auf der ungewohnten linken Seite, an Daniel Imhof vorbeilief, den Kopf hob und mit viel Gefühl den in Position gelaufenen Marko Pantelic bediente. Der Serbe tat das, was er in solchen Situationen schon so oft getan hat. Er stieg hoch zum Kopfball und traf überlegt ins linke Eck – 1:0 in der 39. Minute, die Basis für den Erfolg. Beide Berliner Stürmer hatten ihren Anteil an dieser Führung, aber das entscheidende Momentum hatte ein Verteidiger geschaffen. Lukasz Piszczek, vom Stürmer zur Defensivkraft umgeschult, hatte vom eigenen Strafraum mit langem Pass auf  Woronin einen dieser Konter eingeleitet, die so typisch sind für Herthas Stil in dieser überraschend erfolgreichen Saison.

Piszczek war es auch, der kurz nach der Pause das vorentscheidende zweite Tor vorbereitete. Nach einem furiosen Flankenlauf auf der rechten Seite zirkelte er den Ball mit perfektem Timing und viel Effet in die Mitte. Aus dem Rückraum kam Raffael angesprintet, er traf den Ball direkt mit dem linken Fuß und setzte ihn mit einem geschicktem Aufsetzer in die linke Ecke. Ein wunderschönes Tor an einem wunderschönen Frühlingstag, den die Berliner Fans wohl noch lange in Erinnerung behalten werden.

Damit war das Spiel eigentlich schon gelaufen und längst vergessen, dass Hertha bis dahin spielerisch nicht allzu viel Glanz verbreitet hatte. "Gratulation an den VfL, er hat es uns sehr schwer gemacht", sagte Lucien Favre. Die Bochumer hatten gleich fünf Verteidiger aufgeboten, aber ihre Angriffsbemühungen waren allzu harmlos und stellten die vom einmal mehr überragenden Josip Simunic organisierte Berliner Abwehr nie vor Probleme.

So brachte Hertha den Sieg ohne größere Mühe über die Zeit, der eingewechselte Amine Chermiti hatte bei einem neuerlichen Konter noch das dritte Tor auf dem Fuß, vergab jedoch überhastet.

Bei aller Souveränität aber war nicht zu übersehen, dass es im Spielaufbau doch noch erhebliches Potenzial zur Steigerung gibt. Andrej Woronin, erstmals nach seiner Sperre wieder dabei, missriet so ziemlich alles, was er anstellte, und auch Marko Pantelic hat man, trotz seines Tores, schon sehr viel stärker gesehen. Aber wer will schon über Symptome klagen, wenn das Gesamtprodukt so erfolgreich und gefestigt daherkommt. Am Dienstag in Köln steht das nächste, das drittletzte der Berliner Endspiele an. Danach kommt der Lieblingsfeind Schalke. Das Olympiastadion ist bereit für die ultimative Party.

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