Sport : Der Mensch gibt nicht auf

Schachweltmeister Kramnik unterliegt „Deep Fritz“, aber er will den Kampf gegen den Computer fortsetzen

Martin Breutigam[Bonn]

Die Angelegenheit ist im Grundsatz immer noch nicht ausdiskutiert. Die Maschine hat den Menschen zwar besiegt, aber nur weil Wladimir Kramnik vermeidbare Fehler machte – dieses Fazit zogen der Schachweltmeister und das Team des Computerprogramms „Deep Fritz“ nach dessen 4:2-Sieg in der Bonner Bundeskunsthalle. In der sechsten Partie hatte Kramnik noch einmal einen Gewinnversuch unternommen, aber „Deep Fritz“ konterte und gewann nach viereinhalb Stunden Spielzeit.

„Ich bin wohl ein bisschen zu viel Risiko eingegangen, so sollte man normalerweise nicht gegen Computer spielen“, sagte Kramnik. Im Gegensatz zu den fünf Spielen zuvor hatte er schon mit seiner Eröffnungswahl, der sizilianischen Verteidigung, einen offenen Kampf angestrebt. Tatsächlich schien die Maschine zunächst strategisch überfordert: Nach 15 Zügen standen die Schwerfiguren von „Deep Fritz“ ungelenk vor den eigenen Bauern. Ein paar Züge später war Kramnik aber anzusehen, dass ihm die Sache missfiel (siehe Analyse). „Gegen jeden Menschen hätte ich diese Position gerne gespielt, aber nicht gegen den Computer.“ Dennoch gab der 31-jährige Russe den Kampf gegen die Maschine noch nicht verloren: „Wenn ich in ein, zwei Jahren noch einmal gegen den Computer spiele und mich dann mal ein paar Monate vorbereiten könnte, glaube ich, dass ich Chancen haben werde.“ Diesmal sei die Vorbereitungszeit nach seinem WM-Sieg über Wesselin Topalow zu kurz gewesen. Auch Matthias Wüllenweber, einer der Fritz-Väter, bedauerte, dass das Ergebnis nicht den eigentlichen Wettkampfverlauf widerspiegele, sondern von Kramniks Blackout in der zweiten Partie beeinflusst wurde. Außer dem Weltmeister sei wohl keiner in der Lage, einer Maschine Probleme zu bereiten. „Dieser klare, klassische Stil, die Ästhetik der einfachen Endspiele, das strategische Spiel – all das hat Kramnik hier überragend gezeigt“, schwärmte Wüllenweber.

Tatsächlich hat Kramnik in den ersten fünf Partien vorgemacht, wie man gegen Computer spielen muss. Doch lässt sich mit dem Vermeiden jeglicher Verwicklungen wirklich ästhetisch Wertvolles schaffen? Die berühmtesten Partien der Schachgeschichte haben gezeigt, dass es auch kühner Pläne bedarf, damit eine Partie zum Gesamtkunstwerk wird. Mit kühnen Plänen wäre man aber gegen eine über acht Millionen Züge pro Sekunde rechnende Maschine verloren. Das deshalb verständliche Streben nach Vereinfachungen entzieht den Partien aber einen wesentlichen Reiz des Spiels. Kramnik kann ab sofort frei aufziehen. „Nun werde ich wieder gegen Menschen spielen“, sagt er, „das ist definitiv einfacher.“

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