Sport : Der Mensch mit der Peitsche

Mit Witz und ohne Rücksicht sammelte der Trainer Max Merkel Titel – am Dienstag ist er gestorben

Mirko Weber

Noch heute erinnert sich Petar Radenkovic sehr lebendig daran, was für einer Max Merkel war: „Ein Diktator!“ Die Augen des legendären Torwarts von 1860 München rollen dann immer noch ein wenig, als befürchte er, Merkel könne es hören. „Wir Spieler hatten kein gutes Verhältnis zu ihm. Er war ein rücksichtsloser Mann.“ Manchmal gab der Diktator lustige Anweisungen, zum Beispiel, als er die so genannten Alkoholiker in der Mannschaft gegen die Enthaltsamen kicken ließ. Die Trinker gewannen hoch, und Merkel verabschiedete sich halb sauer, halb amüsiert mit einem kräftigen „Sauft’s weiter!“ Andere Episoden aus dem Stadion an der Grünwalder Straße nahmen einen weniger amüsanten Verlauf. Eine Revolte der Spieler trieb ihn schließlich aus dem Verein.

Schon in seinen Jahren als Spieler war der gebürtige Wiener der exakte Gegenentwurf zum Fußballästheten. Merkel absolvierte übrigens ein Länderspiel für Deutschland (1939) und eines für Österreich (1952). Während sein Mitspieler Matthias Sindelar bei Rapid Wien als der Lässige, der Leichte galt, war Merkel schlicht ein linker Verteidiger wie eine Wand. Nach dem Krieg spielte Merkel gemeinsam mit Ernst Happel in der Abwehr. Damals entstand eine Hassliebe zwischen den beiden Wienern: Happel galt als der Geniale, Merkel als der Arbeiter. Nachdem Merkel als aufstrebender Trainer nach dem Krieg den Bogen überspannt hatte („Happel schaut aus wie Beethoven im Endstadium“), sprachen beide nie mehr miteinander.

Diese harte Gangart wurde später Merkels Markenzeichen als Trainer. Nach einem Abstecher in die Niederlande bekamen zuerst die Dortmunder zu spüren, wie es ist, wenn ein Wiener den Anteil seines preußischen Vaters – ein Offizier – in sich entdeckt. Nicht von ungefähr betitelte Merkel seine Teilzeitmemoiren von 1968 „Mit Zuckerbrot und Peitsche“. Damals war er auf dem Gipfel seiner Karriere: Er hatte Borussia Dortmund in das vorletzte Endspiel zur deutschen Meisterschaft geführt, war nach München zu 1860 gewechselt und wurde 1966 mit den Löwen Meister.

Danach ging Merkel nach Nürnberg, wurde wieder Meister, stieg aber im Jahr danach aus der Bundesliga ab. Dass es so etwas noch nicht gegeben hatte, nahm Merkel fast mit einem gewissen Stolz zur Kenntnis. Zur Genugtuung dürfte ihm gereicht haben, dass er auf dem Boulevard zwischenzeitlich als Alternative zu Helmut Schön als Bundestrainer gehandelt wurde. Weniger seine persönliche Art als die Anlage seines Trainings hatte ihn dafür qualifiziert. Es sprach sich schnell herum, dass Merkel unter technisch-taktischer Arbeit etwas anderes verstand als das übliche stumpfe Warmlaufen, Rumbolzen und „Hintermann“ schreien. So gesehen war es wiederum nicht erstaunlich, dass der Wiener, der seiner Zeit immer ein wenig voraus war und dies seine Zeitgenossen furchtbar gerne spüren ließ, Anfang der Siebziger in Spanien als Trainer landete – lange vor allen Michels und Cruyffs. Die Peitsche allerdings ließ Merkel auch in Sevilla nicht los, man nannte ihn „Senor Latigo“ (Herr Geißel). Atletico Madrid bescherte er auf diese Art immerhin einen Meistertitel, von dem der Verein noch heute zehrt.

Derweil hatten sich in Deutschland die Verhältnisse im Fußball ein wenig verändert. Diktatoren waren nicht mehr gefragt. Merkel, der ohnehin schon länger in München wohnte, hätte liebend gerne auch einmal die Trainerstelle bei den Bayern übernommen – dies verhinderte jedoch 1979 ein von Sepp Maier inszenierter Spieleraufstand. Fortan heuerte Merkel noch hier (FC Schalke 04) und da (FC Augsburg, Karlsruher SC) und auch noch dort (als Sportdirektor beim Österreichischen Fußballverband) an, aber das waren eher Rückzugsgefechte von der Trainerbank, wo seine knochenharte Autorität nicht mehr gefragt war.

Und dann wurde der Markenartikel Max Merkel, der Journalisten als ahnungslose Schmierfinken betrachtete, selbst Journalist – wobei die Berufsbezeichnung in seinem Fall nicht ganz korrekt ist. Merkel nämlich recherchierte nicht, wog auch nicht ab, sondern schaute einmal hin und hatte eine Meinung.

Wiederum rechtzeitig und als einer der ersten hatte Merkel erkannt, dass aus dem Männersport Fußball eine Angelegenheit geworden war, die sich zu großen Teilen showartiger Züge bediente. Prinzipiell besserer Witze mächtig, pendelte sich Merkel als Scharfrichter in Bundesligabelangen zuerst auf der Ebene des mittelmäßigen Possenreißers ein („Maradona kann aus 50 Metern Entfernung mit dem Ball eine Telefonnummer wählen“), war aber auch jederzeit bereit, sein Niveau zu unterschreiten, wenn sich durch die Ghostwritersprüche der Sportteil der „Bild“-Zeitung vielleicht noch ein wenig besser verkaufen ließ. Wer den späten Merkel las, mochte manchmal kaum glauben, dass er seinen doch einmal ziemlich hellen Verstand noch ganz beisammen hatte und dass er bei der WM 1978 noch Kolumnist des „Spiegels“ gewesen war.

Merkel gefiel sich in seiner Rolle, wahrscheinlich auch deshalb, weil das Geld stimmte. Als er noch Abwehrspieler war, ließ er sich von schimpfenden Fans stets das Billett vorzeigen. Mit Freikartenbesitzern unterhielt er sich nicht, Selbstzahler durften Dampf ablassen. Merkel hatte seine Prinzipien – auch wenn er manchmal drauf pfiff.

In den Münchner Stadien war Merkel schon lange nicht mehr zu sehen. Er traue sich nicht vor die Tür, sagten Bekannte. Tauchte er doch einmal auf, behandelte man ihn ein bisschen wie ein Denkmal, was ihm sichtlich gegen den Strich ging. Am Dienstag starb Max Merkel im Alter von 87 Jahren in Putzbrunn bei München.

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