Sport : Der menschliche Makel

Bolt scheitert über 100 Meter an seinem einzigen ernsthaften Gegner: an sich

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Der andere Seite des Showmans. Weltrekordler Usain Bolt kann es nicht fassen, dass er nach einem Fehlstart im 100-Meter-Finale disqualifiziert worden ist. Foto: dpa
Der andere Seite des Showmans. Weltrekordler Usain Bolt kann es nicht fassen, dass er nach einem Fehlstart im 100-Meter-Finale...Foto: dpa

Als sich Usain Bolt fassungslos das Trikot über den Kopf zog, als er einen Schrei in den nächtlichen Himmel von Daegu stieß, da verharrten tausende Zuschauer wohl noch in Schockstarre. Noch hatte sich die größte Sensation der jüngeren Leichtathletik-Geschichte vermutlich nicht völlig im Bewusstsein der Fans festgesetzt. Sie hatten registriert, dass Usain Bolt früh, viel zu früh, aus den Startblöcken gejagt war, dass damit das 100-Meter-Finale zu einem x-beliebigen WM-Wettbewerb degradiert und dass der dreifache Olympiasieger und Weltmeister disqualifiziert worden war, aber völlig verinnerlicht hatten das viele in diesem Moment wahrscheinlich nicht. Einen Start später rannte Bolts Landsmann Yohan Blake bei heftigem Gegenwind in 9,92 Sekunden zum WM-Titel, vor dem US-Amerikaner Walter Dix (10,08) und dem 35 Jahre alten Kim Collins aus Saint Kitts and Nevis (10,09), aber das galt fast schon als statistischer Wert.

Das unfassbare Aus von Bolt war das Thema. Grotesk früh war er aus den Startblöcken gestürmt, nach fünf Metern stoppte er ab, schrie und zog das Trikot aus und ging zu einer Stadionmauer, seine Hände klatschten gegen den Beton, eine Geste ohnmächtiger Wut. Nichts erinnerte an den Superstar, der zwei Minuten zuvor noch den Showman gegeben hatte. Als ein Kameramann jeden Finalisten einfing, zeigte Bolt mit dem Finger nach links zu Dix und schüttelte den Kopf, er zeigte nach rechts zu Blake und schüttelte wieder den Kopf. Dann streckte er seine Finger nach vorn. Meine Bahn, auf die müsst ihr achten, lautete die Botschaft.

Lasst mich in Ruhe, das war seine Botschaft danach. Als er Journalisten passierte, blaffte er: „Glotzt ihr, ob ich Tränen vergieße? Das wird nicht passieren.“ Ein Showman darf nicht aus der Rolle fallen, egal, wie lächerlich und unglaubwürdig in dieser Sekunde dieser Trotz wirkt.

Yohan Blake hatte auch schnell in seine neue Rolle gefunden. Er saß vor den Reportern, und die wollten wissen, ob er schon mit seinem Kumpel Bolt gesprochen habe. Da lächelte Blake und erwiderte lässig: „Ich habe anderes zu tun, ich bin der neue Weltmeister, wissen Sie.“ Sie wussten es. Sie wussten allerdings nicht, wie selbstbewusst dieser 21-Jährige ist. „Mir war klar, dass ich ihn eines Tages schlagen könnte, aber ich hatte das heute nicht erwartet.“ Da war er nicht allein.

Aber warum? Warum dieser Fehlstart? Eine Antwort könnte lauten: Weil Bolt extremen Druck spürte, weil das Showgehabe viel mehr Fassade ist, als man denken könnte. Der extreme Frühstart deutet darauf hin, dass er seinen Körper nicht mehr kontrollieren konnte, dass die Spannung so groß war, dass sie sich instinktiv in diesem Start löste. Wäre Bolt so cool gewesen, wie er vor dem Start suggeriert hatte, dann hätte er locker warten können. Er hätte problemlos registrieren können, dass seine Gegner früher aus dem Startblock sprinten als er. Bolt hätte sie eingeholt. Am Freitag gibt es die 200-Meter-Vorläufe. Mr. Bolt, starten Sie? „Das sehen wir am Freitag.“ Gestern sah man eine Sensation, Bolts Scheitern.

Richard Thompson aus Trinidad, der Olympiazweite, der in dieser Saison schon 9,85 Sekunden gerannt war (schneller als Bolt 2011), war im Halbfinale sensationell ausgeschieden. Damit war der letzte Gegner weg, der Bolt im Finale hätte gefährlich werden können. Niemand hätte den Weltrekordler wohl besiegt. Das hat er dann selbst erledigt.

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