Sport : Der Milliardär mit der Laserpistole

Für Ernesto Bertarelli erfüllt sich beim America’s Cup an Bord der Alinghi ein Traum

Ingo Petz[Valencia]

Ernesto Bertarelli ist ein bescheidener Mensch geblieben. „Ich bin nicht Gott“, hat er kürzlich in einem Interview gesagt. Bertarelli ist Boss der Schweizer Alinghi und Gründer des Titelverteidigers beim America’s Cup. Bei seinen Auftritten im Hafen von Valencia zeigt sich der italienisch-schweizerische Milliardär gern mit Jeans und Turnschuhen als einer von vielen. Derart leger trat er auch auf, als er auf der Terrasse des Hauptquartiers zusammen mit seinem Skipper Brad Butterworth die Crew-Liste für das 32. America’s-Cup-Finale verkündete. Bei solchen Auftritten wirkt der 41-Jährige meist kontrolliert wie ein Manager, aber auch wie ein träumerischer Junge. Auf die Frage, was ihm der Cup bedeute, sagte er: „Nachdem wir in Neuseeland gewonnen hatten, wurde ich immer mehr in dieses Spiel gezogen. Wenn du dich immer mehr engagierst, immer mehr Zeit aufbringst, mehr Energie, Emotionen und Intellekt einbringst, wirst du förmlich aufgesaugt. Gewinnen bedeutet mir sehr viel. Der America’s Cup ist fantastischer Sport, mit langer Tradition, und er hat für die Zukunft viel zu bieten.“

Das erste Rennen im Finale um den America’s Cup zwischen der Alinghi und dem Emirates Team New Zealand hat Bertarellis Team gestern gewonnen. Gesegelt wird in einer Serie „Best of nine“, wer als erstes Team fünf Siege hat, gewinnt den Cup.

Bertarelli kann sehr charmant sein, ein interessanter und kluger Gesprächspartner. Vorausgesetzt, die Themen sind nach seinem Geschmack. Gerne spricht er über das Segeln. „Es gibt mir die Möglichkeit, alles andere hinter mir zu lassen. Das Ablegen vom Land bedeutet für mich Freiheit.“ Oder: „Segeln ist wie ein perfekter Tanz. Die vollkommene Koordination zwischen den Tänzern. Ein perfektes Rennen ist magisch.“

Bertarelli wurde in Rom geboren, er lebte lange in Italien. Im Alter von 24 Jahren wurde er Schweizer, absolvierte die Harvard Business School. Sein Vater starb früh und so musste der Sohn als 30-Jähriger die Leitung des Genfer Pharmaunternehmens Serono übernehmen. Innerhalb von sieben Jahren machte er den Betrieb zum drittgrößten Biotech-Hersteller der Welt. Anfang des Jahres verkaufte er den Mehrheitsanteil des Familienunternehmens. Bertarelli hat rund elf Milliarden Euro auf dem Konto und wird vom Forbes Magazine als reichster Schweizer geführt. „Lassen Sie uns nicht über Geld reden“, sagt er gerne in Interviews.

Reden wir also über den Menschen. Er mag schöne Frauen, schnelle Autos, gutes Essen. Allerdings hat der dreifache Familienvater auch einen Hang zu großen Zielen und ultimativen Herausforderungen. Dazu hat er das Talent, die Fähigkeit und auch das nötige Glück, diese erfolgreich umzusetzen. Er ist ein Siegertyp. Das hat er als Unternehmer und als Segler bewiesen. Auf der Alinghi bekleidet er zurzeit die Position eines Strategen und Hilfsnavigators, der mit einer Laserpistole die Geschwindigkeit und Position des Gegners kontrolliert. Damit hat er wohl den deutschen Sportdirektor Jochen Schümann von der Position in der Denkzentrale, der Afterguard, verdrängt. Der dreimalige Olympiasieger war als Stratege im Finale von 2003 eine der Säulen des Schweizer Triumphes.

Wer nun denkt, dass Betarelli sich seinen Platz auf der Final-Yacht damit verdient haben könnte, dassl er der Geldgeber des Teams ist, der liegt nicht weit neben der Wahrheit. Im America’s Cup gilt es als ungeschriebenes Gesetz, dass dem Eigner die Wahl offengehalten wird, an Bord zu sein, wenn er es denn wünscht. Fairerweise muss man aber betonen, dass Bertarelli kein Laie beim Segeln ist.

Er gewann fünfmal die legendäre Bol- d’Or-Regatta auf dem Genfer See, 1998 wurde er beim Fastnet-Race Dritter, 2001 wurde er als Steuermann Farr-40-Weltmeister. Den America’s Cup zu gewinnen, war sein Jugendtraum. Mit der Gründung von Alinghi – einer Marke, die längst zum Mythos geworden ist – hat er seit dem Cup-Gewinn 2003 eine neue Messlatte für Professionalisierung und Perfektion im Cup aufgelegt. Mit der Ausrichtung des Cups in Valencia hat er der Regatta zu einer größeren Öffentlichkeit verholfen. Allerdings hat er auch heftige Kritik für den angeblichen Ausverkauf des Cup-Sports einstecken müssen. Kritik, die er nicht verstehen kann oder will. Er verteidigt seinen Jugendfreund, den Direktor des America’s-Cup-Managements, Michelle Bonnefous, mit den Worten: „Er hat einen fantastischen Job gemacht.“

Wenn Alinghi den Cup gewinnt, wird Bertarelli die Möglichkeiten des Cups wohl noch weiter ausschöpfen wollen. Allerdings steht Alinghi dann vor seiner größten Herausforderung. Das Team ist mit einem Durchschnitt von 40 Jahren jetzt schon überaltert. Zudem dürfte vielen in der Führungsriege nach sieben Jahren Alinghi der Sinn nach einer frischen Herausforderung stehen. Vor allem den Neuseeländern um Brad Butterworth, von denen man munkelt, dass sie wieder mit ihrem Landsmann Russell Coutts segeln wollen, dem Steuermann, der den Cup-Erfolg für Alinghi möglich machte, aber dann wegen Streitereien mit seinem Boss geschasst wurde.

Jemand wie Bertarelli, der neue Herausforderungen liebt, wird nicht ewig beim America’s Cup dabei sein wollen. „Jedes Team hat seine Zeit“, hat er einmal gesagt. Wenn der Cup verloren geht, könnte Alinghi eventuell schon Geschichte sein. Das Aus im Fall einer Niederlage gegen Neuseeland soll er seinem Team bereits angekündigt haben.

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