Sport : Der Mineralwasser-Profi

Der FC Bayern kann schon heute ins Champions-League-Achtelfinale einziehen – auch dank Andreas Ottl

Daniel Pontzen[München]

Die beiden Jungs hatten sich in der Schlange angestellt und warteten geduldig, es wollten schließlich noch andere hinein in die „Milchbar“, eine kleine Diskothek am Rande Münchens. Wenn das „P1“, die bevorzugte Feierstätte der Bayern-Spieler, so etwas wie eine VIP-Loge ist, dann ist die „Milchbar“ der Fanblock, es gibt hier keine Plastikbändchen am Arm und keine abgetrennten Promi-Bereiche. Nachdem die beiden eingetreten waren, mischten sie sich mitten hinein in die feiernde Menge, und als sie zur Bar gingen, bestellten sie keinen Champagner und keinen Wodka-Red-Bull, sondern jeweils ein Glas Mineralwasser.

Er möge keinen Glamour, sagt Andreas Ottl, 21, und dass dies bei ihm nicht eine jener Floskeln ist, die Jungprofis daherplaudern, weil sie gut ankommen, belegt nicht nur der Diskobesuch, den er sich vergangenes Jahr in einer spielfreien Woche gönnte. Andreas Ottl, 1,85 Meter groß, blond, Sommersprossen, tritt auch bei seinem Arbeitgeber Bayern München so konsequent bescheiden auf, als wäre er ein Auszubildender, der dankbar ist für jeden Moment, den er mit den Führungskräften verbringen darf.

Seit einigen Wochen jedoch ist er nicht mehr nur Mitläufer. Nach der Verletzung von Owen Hargreaves hat sich Ottl auf der Position im zentralen defensiven Mittelfeld mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit als ernst zu nehmende Alternative bewiesen, was ihm zuletzt gar ein öffentliches Lob von Franz Beckenbauer eintrug – und die Erklärung von Bundestrainer Joachim Löw, Ottl gehöre „zu den 12 bis 15 Spielern, in denen wir Perspektiven für die A-Elf sehen“. Vielleicht ist das alles ein bisschen zu früh für Ottl, der erst im vergangenen Sommer zu den Profis stieß. Andererseits wäre es die konsequente Fortschreibung seiner bisherigen Entwicklung. Denn Andreas Ottl ist der Vorzeige-Azubi beim FC Bayern.

Seit er elf ist, spielt Ottl für den Klub, er wurde dreimal deutscher Jugendmeister und bewies sich im Regionalliga- Team. Dessen Trainer Hermann Gerland sprach eine Empfehlung für Ottl aus, was ihm seinen ersten Profivertrag bescherte. Im ersten Jahr brachte er es auf zehn Einsätze, Highlight war sein Tor zum 1:1 in Kaiserslautern, das Bayern vorzeitig den Titel und Ottl den Spitznamen „Meistermacher“ sicherte.

Der Durchbruch gelang Ottl vor einem Monat beim 2:0 bei Inter Mailand, als er unaufgeregt Regie führte und nebenbei Luis Figo ausschaltete und damit entscheidend dazu beitrug, dass sich die Münchner schon heute durch einen Sieg gegen Sporting Lissabon (20.45 Uhr, live bei Premiere) für das Achtelfinale der Champions League qualifizieren können. „Er ist 21. Wenn man das nicht wüsste, würde man glauben, er wäre viel älter“, sagt Kollege Mark van Bommel, so routiniert spiele sein Nebenmann schon.

Ottl interpretiert seine Lieblingsposition defensiver als Hargreaves. Das sieht meist weniger spektakulär aus, doch vor allem die Kollegen in der Verteidigung danken es ihm. Bei der Spieleröffnung beschränkt sich Ottl zumeist auf schnelle, klare Pässe, in Dribblings wagt er sich selten. Noch.

An dem aktuellen Hype um Ottl will sich Trainer Felix Magath eigentlich nicht beteiligen. Doch auch er ist überzeugt, dass Ottl, wenn er weiterhin so konsequent an sich arbeite, „hier eine feste Größe wird. Und wenn einer hier eine feste Größe ist, kann man ja fast sicher davon ausgehen, dass er auch bei der Nationalmannschaft unterkommt“.

Die Gefahr, dass Ottl die Bodenhaftung verliert, scheint ohnehin überschaubar. „Ich glaube nicht, dass ich eine Ersatzlösung für Owen bin“, sagt er inzwischen durchaus selbstbewusst, gleichwohl wisse er, dass er sich noch lange nicht durchgesetzt habe, „dass ich mich weiter verbessern muss“, vor allem in puncto Antrittsschnelligkeit und Kopfballspiel. Er erwartet das wohl auch von sich selbst, schließlich hat er zugunsten des Fußballs sein Fachabitur abgebrochen, was er inzwischen „ein bisschen bereue“. Um berufliche Sicherheiten muss sich der junge Mann, der in der elterlichen Wohnung in München-Lerchenau lebt, vorerst jedoch keine Sorgen machen. Andere Klubs hatten ihm Angebote unterbreitet, ehe sein Vertrag vorzeitig bis 2008 verlängert wurde, laut „Bild“ zum überschaubaren Jahresgehalt von 200 000 Euro, eine Art Mindestlohn beim FC Bayern.

Ottl wird künftig vermutlich sowieso kaum Zeit haben, viel Geld auszugeben, zumindest nicht bei Diskobesuchen. Vor allem für viel belastete Nationalspieler sind die nur selten drin, was ihm vermutlich schon sein damaliger Begleiter, Philipp Lahm, erzählt hat.

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