Sport : Der Mini-Abramowitsch

Dank Wladimir Romanow und seiner Millionen verdrängt Heart of Midlothian die Glasgower Klubs von der Spitze in Schottland

Claus Vetter

Berlin - Den Samstag wird Paul Marinello so schnell nicht vergessen. Als Inhaber des „Crofters Hearts“ in Edinburgh hat er viel mit Fußballfans zu tun. Vor allem mit denen von Heart of Midlothian, des beliebtesten Teams der schottischen Hauptstadt. Nach dem Spiel der „Hearts“ im Stadion im Tynecastle-Park kamen die Fans wie immer in Marinellos Pub unweit der langen Calder Road vorbei. „Die Hearts hatten 2:0 gegen Dunfermline gewonnen“, erzählt Marinello. Er hatte die übliche Jubelfeier erwartet. „Doch die waren völlig zerstört. Die Fans haben in ihr Bier geweint.“

Inzwischen weiß Marinello, warum die Fans trauern. „Den Abschied von George Burley hat niemand verstanden. Er war beliebt, hat so viel für den Klub getan.“ Bis zum Samstagmittag, da erklärte Trainer Burley seinem Team wenige Stunden vor dem Spiel gegen Dunfermline, dass er den Klub verlässt. Eine Überraschung, denn die Hearts sind so gut in die Saison gestartet wie seit 1914 nicht mehr, haben nach dem Sieg gegen Dunfermline in der schottischen Premier League nun alle elf Saisonspiele ungeschlagen bestritten und sind Tabellenführer – mit drei Punkten Vorsprung vor Celtic Glasgow und gar neun vor Serienmeister Glasgow Rangers.

Wegen zu großen Erfolgs musste Burley natürlich nicht gehen. „Wir Fans sind völlig frustriert. Was passiert ist, weiß keiner“, sagte Mitglied vom Fanklub „Westend Hearts“, äußert aber eine populäre Vermutung: „Am Freitag muss irgendetwas zwischen Burley und Wladimir Romanow vorgefallen sein.“

Wladimir Romanow ist seit Februar mit 55,5 Prozent Hauptaktionär bei den Hearts. Der Litauer wird in Großbritannien als die kleinere Ausgabe des russischen Öl-Milliardärs Roman Abramowitsch gehandelt, der beim FC Chelsea in der englischen Premier League Millionen für Spieler ausgibt. So wohlhabend wie Abramowitsch ist Romanow nicht – sein Vermögen wird auf 880 Millionen Dollar geschätzt – aber Schottland ist ja auch nicht England. In der kleineren, im Süden Großbritanniens belächelten schottischen Liga lässt sich kostengünstiger etwas bewegen als in England. „Es gibt kein Limit, was die Ausgaben für Spieler betrifft“, hat Romanow unlängst gesagt. Schließlich will der Haupteigner, der noch den weißrussischen Verein Ripo Minsk besitzt und dessen dritter Klub FBK Kaunas zuletzt fünfmal Meister in Litauen wurde, „nächstes Jahr in der Champions League spielen“.

Bislang lagen die Hearts mit ihrer Verpflichtungspolitik richtig: Erstmals seit 1985 scheint es möglich, dass der Meistertitel nicht an die „Old Firm“ geht. So werden in Schottland die beiden Klubs aus Glasgow, Rangers und Celtic, genannt. Dass die Ansprüche im Tynecastle-Park gestiegen sind, musste der ehemalige deutsche Nationalspieler Fredi Bobic erfahren. Er spielte vergangenen Montag bei den Hearts vor, wurde aber am Mittwoch wieder weggeschickt.

Wer den Zielen des 58 Jahre alten Romanow im Weg steht, muss gehen. So wie George Burley. Zur Trennung vom Trainer äußert sich der Verein nicht. Geschäftsführer Phil Anderton wird auf der Homepage der „Hearts“ zitiert: „Ich weiß, dass die Sache mit Burley ein Schock für die Fans war, aber wir wollen im Interesse beider Seiten keine Details verraten.“ Obwohl offensichtlich ist, dass Romanow, der gegen Dunfermline wie immer mit Fanschal jubelnd das Spiel verfolgte, Burley zum Abschied gedrängt hat. Ein Schicksal, das schon Burleys Vorgänger John Robertson erlitt. Der ersuchte im Mai auch aus eigenen Stücken um seinen Rücktritt. Romanow hatte ihm angeblich bei der Aufstellung der Spieler reingeredet. Als sich Robertson wehrte, wollte ihn Romanow zum Kotrainer degradieren.

Allerdings ist Romanow auch so geschickt, es sich nicht ganz mit den Fans zu verderben. So verhinderte er, dass die Hearts in einen Stadionneubau umziehen. Der Klub wird weiter im geliebten Tynecastle-Park spielen und die Fans werden weiter auf dem Rückweg vom Spiel in Paul Marinellos Pub vorbeischauen. Unmutsbekundungen gegen Romanow hat der Kneipen-Inhaber bei den Fans nach dem Abschied Burleys nicht beobachtet: „Natürlich haben die Fans ein wenig Angst, dass sich ihr Klub von ihnen entfernt. Aber vor allem sind sie zurzeit dankbar, dass ihr Team jetzt erfolgreich ist.“

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