Sport : Der musikalische Held

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Der spanische Romancier Javier Marías ist ein großer FußballKenner. Unter dem Titel „Alle unsere frühen Schlachten“ gab der Klett-Cotta-Verlag vor vier Jahren 30 seiner Fußball-Kolumnen heraus. Eigentlich war ein weiteres Stück vorgesehen. Marías sagt, dass es bei der Übersetzung schlicht vergessen worden sei. Der Dichter überließ den Text jetzt dem Tagesspiegel, in dem er heute erstmals auf Deutsch erscheint. Thema ist der Abschied des Stürmers Emilio Butragueño, der seit seiner Jugend bei Real spielte und 123 Tore in 341 Spielen für den Klub schoss.

In schwierigen Zeiten hat Butragueño zu Real Madrid zurückgefunden. Als Nachfolger von Jorge Valdano wurde er im Oktober Sportdirektor des Klubs, der sich in einer Krise befand. Zuletzt hat sich die Lage etwas gebessert, doch nach einem 0:3 beim Rivalen FC Barcelona liegt Madrid nun sieben Punkte hinter dem Tabellenführer Barça. Auch in der Champions League steht es nicht gut um Madrid. Dort tritt Butragueños Team heute gegen Leverkusen an. Tsp

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Zu den schlimmsten Dingen im Leben gehört, dass man so gut wie nie weiß, wann etwas zum letzten Mal passiert oder wann sich etwas, das uns begeistert hat, seinem Ende nähert. Wir wussten damals nicht, dass dies die letzte Novelle von Bernhard oder Benet war, der letzte Film von Hitchcock, von Ford, Welles oder Buñuel. Es hat schon so viele letzte Male gegeben und wir haben sie nicht vorhergesehen, und am Anfang des Endes stand für uns doch immer nur die Erkenntnis, dass etwas zwar gewesen, aber nicht vorbei ist. Nie überkam uns die Enttäuschung, das Bewusstsein, wir hätten einen Abschied erlebt. Ja, wenn wir gewusst hätten, dass es kein nächstes Mal geben würde, dann …

So war es auch im Sommer 1995, als mir bewusst wurde, dass Emilio Butragueño nie mehr für Real Madrid spielen würde, kaum dass wir ihn noch auf dem Platz gesehen hatten. Sein letztes Tor (welches war es eigentlich?) hatte sich nicht auf unserer Netzhaut eingebrannt, wir wussten nicht einmal, in welcher Aufstellung Real in sein letztes Spiel ging. Ich erinnere mich daran, dass eines der schlimmsten Erlebnisse meiner Kindheit die Nachricht von der Entlassung Alfredo di Stefanos bei Real war, ohne dass ich einen Grund dafür gewusst hätte. Ich und ein paar andere Jungen verfolgten damals für ein paar Wochen in unserem Kummer die Ergebnisse von Espanyol Barcelona und in unserer kindlichen Naivität wünschten wir uns, dass di Stefano dort genauso gut spielen würde wie einst und Real nichts übrig bleiben würde, als ihn wieder zurückzuholen.

Diese Phase ging schnell vorüber und bei Butragueño war es 30 Jahre später dasselbe: Es war schwer, sich für einen absurden japanischen Verein zu interessieren, dessen Name zur einen Hälfte etwas Opernhaftes hatte und zur anderen einem Motorrad glich und von dem es hieß, Butragueño würde zu ihm wechseln (was er dann nicht tat, sondern lieber nach Mexiko ging).

Für die Fußballfans haben die Spieler kein Alter; wen sie als jungen Spieler gesehen haben, der ist für sie im fortgeschrittenen Alter derselbe, das macht die Bewunderung, mit der sie auf ihn blicken. Es sind, ganz einfach, „unsere“ Spieler, und obwohl sie alle mit jedem Jahr älter werden, ändert sich nichts an der immer gleichen Wahrnehmung von Gento, Velázquez, Santillana, Valdano oder jetzt auch Raúl. Der Fall Butragueño ist auch in dieser Hinsicht außergewöhnlich. Man hat ihn zugleich „El Buitre“ genannt, den Geier, aber auch „El Niño“, das Kind. Ich glaube nicht, dass das eine nur an seinem kindlichen Aussehen lag und das andere daran, dass man ihn hat wachsen sehen im Stadion von Chamartín. Es war wohl eher das Desinteressierte und Unschuldige in seinem Spiel, das Unmögliche und Übernatürliche.

Die Verehrung der merengues, der Fans von Madrid, für Butragueño, sie wirkte immer ein wenig wie jene, die der zwölfjährige Jesus im Kreis der Schriftgelehrten erfuhr oder wie sie der bedauernswerte Leopold Mozart für seinen Sohn Wolfgang Amadeus empfunden haben muss, beide, Jesus und Mozart, die ewige Jugend in einem kurzen Leben verkörpernd. Butragueño s Leben als Fußballspieler war kurz, wenn wir auf sein Alter schauen, und es erscheint uns heute noch kürzer, wenn wir an seinem Ende die Zahlen sehen: so und so viele Spiele, so und so viele Tore. Kaum zu glauben, dass es nicht mehr werden konnten. Welch ein Trost, dass es Videoaufzeichnungen gibt.

Die Erinnerung des Fußballs mag ein wenig konfus sein, aber sie unterscheidet sehr genau, und die Dinge, die sie auswählt, wählt sie für die Ewigkeit. In dieser Erinnerung wird man Butragueño sehen, wie er über den Platz läuft, einen Verteidiger an seiner Seite; wie er ein Laufduell ohne Ball initiiert und dann wieder abbricht; kurz darauf an der Eckfahne verharrend, den Ball scheinbar teilnahmslos am Fuß, als gehöre er nicht zu ihm und könne von jedem Gegenspieler leicht erobert werden.

Man hat immer gesagt, dass Butragueño in solchen Situationen schneller gedacht hat als alle anderen, aber ich glaube das nicht: Seine Körpersprache vor seinen besten Spielzügen sagt mir, dass Butragueño nie dachte, nur abwartete und seinen Gegnern das Denken überließ, so dass sie ihm nie folgen, ihn nie bremsen und nie vorhersehen konnten, was er als Nächstes tun würde. Sein Fußball verzichtete auf alles Geplante und Gedachte, und deswegen fehlte ihm das, was viele als eigentliche Bedeutung des Spiels empfinden. Das Spiel eines unserer späteren Helden, des Dänen Michael Laudrup, hatte diesen tieferen Sinn, es war geradezu literarisch. Butragueños Spiel war musikalisch, es entbehrte der Möglichkeit, es mit Worten zu erklären. Wie ein Lied lässt sich dieses Spiel nur singen, mehr nicht.

Aus dem Spanischen übersetzt von Sven Goldmann

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