Sport : Der Muskel im Geiste Achtung, Konzepte

Beckenbauer und Schily stellen die WM-Kultur für 2006 vor Was das Kulturprogramm für die WM 2006 zu bieten hat

Robert Ide,Esther Kogelboom

Von Robert Ide

und Esther Kogelboom

Berlin. „Wenn ich das hier meiner Mama erzähle, wird sie mir nicht glauben“, sagte der Präsident des Organisationskomitees für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland und lachte laut. Dabei weiß Franz Beckenbauers 90 Jahre alte Mutter mit Sicherheit längst um die guten Kontakte ihres Sohnes zu Bundesinnenminister Otto Schily und zum Multimedia-Künstler André Heller. Doch dass jetzt auch Jutta Limbach, die Chefin der Goethe-Institute und frühere Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, zu Beckenbauers Freunden gehört, auch der Berlinale-Chef Dieter Kosslick und der berühmte Kunstkurator Harald Szeemann, das dürfte sie noch stolzer machen. Und natürlich der Grund, weshalb Beckenbauer überhaupt all diese Herrschaften am Dienstag in Berlin um sich versammelte: die Vorstellung des Kulturprogramms für die Fußball-WM 2006, die Franz Beckenbauer vor vier Jahren nach Deutschland geholt hatte.

Zahlreiche mit Bundesmitteln finanzierte Projekte sollen das internationale Fußballfest kulturell aufladen (siehe Kasten). Wie der Tagesspiegel bereits berichtet hatte, wird es schon vor dem Turnier eine „Fußball-documenta“, eine „Fußball-Berlinale“ und Ausstellungen geben. Schon jetzt tourt ein WM-Globus durch die Austragungsstädte – wenn der beleuchtete und begehbare Ball Mitte Mai von Köln nach Leipzig rollt, werden ihn 220 000 Menschen besichtigt haben. Darüber hinaus nutzt André Heller, der Kurator des Kulturprogramms und Erfinder des WM-Mottos „Die Welt zu Gast bei Freunden“, bereits vorhandene Strukturen. So schicken die Goethe-Institute in den kommenden beiden Jahren eine Fotoausstellung um die Welt, berühmte Filmemacher und Autoren werden sich dem Fußball widmen, und schließlich stellt Kurator Harald Szeemann eine internationale Kunstausstellung unter dem Motto „Hochzeit von Muskel und Geist“ zusammen. Der Kultursender Arte als offizieller Fernsehpartner wird nicht weniger als 14 Themenabende zur WM senden. Ohne Hellers Telefonbuch wäre wohl all das nicht zustande gekommen – auch nicht der Kontakt zu berühmten Musikern wie David Bowie, Van Morrison, Paul Simon und Brian Eno, die an der großen Eröffnungsfeier am 8. Juni 2006 in Berlin mitwirken sollen. „Für unser Programm wird diese Feier das finale furioso“, begeisterte sich Schily.

Finanziert wird das Kulturprogramm aus dem Verkaufserlös von Sondermünzen mit Fußballmotiven, die die Bundesregierung herausgibt. Heller und seine Partner dürfen mit gut 30 Millionen Euro rechnen. „Das hört sich nach einer Menge Geld an“, meinte der österreichische Künstler. „Aber im internationalen Vergleich ist diese Summe eher gering und den Verhältnissen in Deutschland angemessen.“ Bis jetzt hat der Aufsichtsrat der vom Bundestag eingerichteten DFB-Kulturstiftung über insgesamt 73 Projektanträge beraten und entschieden, ob sie förderungswürdig sind oder nicht. Ausschlaggebend bei dem Auswahlverfahren, an dem Vertreter aus Politik, Kultur und Sport beteiligt sind, ist nicht nur der künstlerische Anspruch und die Umsetzbarkeit, sondern auch, ob die Projekte sich mit den Interessen des Fußball-Weltverbandes Fifa überschneiden. Als Beispiel nannte Heller ein Buchprojekt renommierter Schriftsteller. Der „Fischer Verlag“ hatte bereits den Zuschlag dafür erhalten, als sich plötzlich Bertelsmann als offizieller WM-Partner meldete.

Während der Präsentation in Berlin gab auch die Bundesregierung zu erkennen, wie ernst sie Namens- und Lizenzrechte nimmt. „Ich weiß nicht, ob die Kulturstiftung den Namen des DFB tragen sollte“, sagte Schily. „Schließlich zahlt der Deutsche Fußball- Bund keinen Pfennig.“ Auf Nachfrage räumte auch Beckenbauer ein, der Name der Stiftung sei „vielleicht ein wenig unglücklich“. Und dann zitierte der Fußball-Multifunktionär ein bayerisches Sprichwort: „Wer zahlt, schafft an.“

Eines haben alle Beteiligten gemeinsam: Deutschland möchte sich nicht nur als Ausrichter eines Fußballturniers präsentieren, sondern als weltoffenes, tolerantes und friedliches Land. „Wir werden nicht in bayerischen Lederhosen rumlaufen“, versprach Beckenbauer. Und Schily meinte: „Mit diesem Programm öffnen wir alle Türen und Fenster.“ Hellers künstlerische Arbeit klassifizierte der Innenminister als „genialisch“. Der Österreicher zeigte sich geschmeichelt und versprach, sich an internationalen Maßstäben messen zu lassen und sich „weiterhin anständig zu benehmen“. Das habe er seiner 90-jährigen Mutter versprechen müssen.

Das Kulturprogramm der Fußball-WM 2006 wird mit 30 Millionen Euro aus Bundesmitteln finanziert. Geförderte und vom österreichischen Konzeptkünstler André Heller ausgesuchte Projekte sind unter anderem:

Eröffnungsfeier: Ein Kulturfest im Berliner Olympiastadion oder vor dem Brandenburger Tor soll die WM eröffnen. Musikkurator ist der britische Sänger Brian Eno.

Fußball-Globus: Ein überdimensionaler Ball rollt derzeit durch die WM-Städte. Dort finden Lesungen und Diskussionen statt.

Fußball-documenta: Werke der Malerei, Videos, Installationen und moderne Kunst will der documenta-Macher Harald Szeemann ausstellen.

Fußball-Berlinale: 500 junge Regisseure sollen Kurzfime über Fußball drehen. Die besten werden bei der Berlinale gezeigt.

Foto-Tour: Fußballbilder der internationalen Fotoagentur Magnum werden von den Goethe-Instituten in 47 Länder geschickt.

Plakatschau: Bedeutende Künstler wie Georg Baselitz und Jörg Immendorf gestalten eine Plakatserie mit Sportmotiven.

Literaturforum: Autoren wie Literatur- Nobelpreisträger Imre Kertész diskutieren und lesen öffentlich zum Thema Fußball.

Straßenfußball-WM: Die „streetfootballworld“ veranstaltet ein großes Bolz-Turnier.

Dokumentarfilm: „Adelante Muchachas!“ porträtiert kickende Mädchen. Tsp

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