Sport : Der Mut des wahren Engländers

Christoph Bausenwein

In Mittelengland, zwischen Manchester und Birmingham am River Henmore, liegt Ashbourne. Es ist ein verschlafenes Nest mit 6000 Einwohnern, das normalerweise nur von Naturliebhabern aufgesucht wird, die in den idyllischen Hügeln von Derbyshire wandern wollen. Nur einmal im Jahr sieht es hier anders aus. Wer am Fastnachts-Dienstag vormittags in den Ort kommt, erlebt Szenen, die eher an Bürgerkrieg als an Urlaub erinnern. Die Geschäfte sind geschlossen, die Schaufenster mit Holzbalken verbarrikadiert. Die Innenstadt ist für den Autoverkehr gesperrt. Nur die Pubs, in denen man sich auf einen Besucheransturm vorbereitet, haben geöffnet. Wenn man sich unter die Leute mischt, kann man derbe Scherze hören. Zum Beispiel den, dass man ein paar Piranhas im Henmore River aussetzen sollte, um das Spiel interessanter zu machen.

Das Spiel heißt Shrovetide Football (etwa: Fastnachts-Fußball). Um zwei Uhr nachmittags wirft eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens den Ball von einem Steinpodest im Zentrum in die Menge. Sofort stürzen sich die Bürger von Ashbourne auf den Ball. Bald wälzt sich ein vielbeiniges Knäuel durch die Straßen und angrenzende Felder. Ab und an löst sich ein ramponierter Kämpfer aus dem Geschehen und stärkt sich in einem der Pubs. Umstehende singen den Shrovetide Song, in dem das "gute alte Spiel" verherrlicht wird, das "den ganzen Mut eines wahren Engländers" erfordere.

Die Regeln sind einfach. Ashbourne wird durch den Henmore River geteilt, und im Spiel treten diejenigen Einwohner, die nördlich des Flusses geboren sind (die Uppards), gegen die Südstädter (Downards) an. Die Zahl der Spieler ist nicht festgelegt, Frauen dürfen mitmachen. Spielfeld ist der Raum zwischen zwei mehr als fünf Kilometer auseinander liegenden Zielpunkten, die für je eine Gruppe vorgesehen sind: Zwei schlichte Steinsäulen am Fluss. Ein Goal (Tor) gilt dann als erzielt, wenn der mit Sägespänen und Kork gefüllte Ball dreimal hintereinander eine Markierungsscheibe berührt hat, die auf der Steinsäule angebracht ist. Unter lautstarker Anfeuerung der gesamten Einwohnerschaft und etlicher Touristen zieht sich das Spiel bis in die Dunkelheit hin. Wenn vor 18 Uhr ein Tor erzielt wird, kommt ein neuer Ball ins Spiel. Wird ein Tor nach 18 Uhr erzielt, ist es für diesen Tag zu Ende. Bleibt ein Spiel bis 22 Uhr ohne Treffer, so wird es abgebrochen. Am Aschermittwoch geht es dann weiter.

Bis auf vorsätzlichen Totschlag ist nahezu alles erlaubt, um sich in den Besitz des Balles zu bringen. Es ist ein wildes Geraufe, das mit richtigem Fußball nicht viel zu tun hat. Dass kaum mit dem Fuß gekickt wird, liegt nicht nur am Mangel an Regeln. Der Ball ist hart, und wenn er sich im Fluss mit Wasser vollgesogen hat - was regelmäßig der Fall ist -, wiegt er so viel wie ein Medizinball.

Seit wann es den "Shrovetide Football" in Ashbourne gibt, ist unbekannt. Manche führen das Spiel auf das 17. Jahrhundert zurück. Andere behaupten, dass es bereits im Mittelalter gespielt wurde. Weil die meisten volkstümlichen Ballspiele zur Fastnachtszeit veranstaltet wurden, vertreten etliche britische Historiker die These, dass der traditionelle Fußball ursprünglich eine Fruchtbarkeitszeremonie (Begrüßung des Frühlings) beziehungsweise ein Sündenritual (Austreibung des Winters) gewesen ist. Manche erkennen in den Fastnachtsbräuchen auch noch weitere Aspekte des heutigen Fußballspiels. Während der Fastnacht wurden die Rollen von Herr und Knecht umgekehrt, als Herr über die "verkehrte Zeit" wurde ein Lord of Misrule gewählt. Dieser hatte nicht nur die Herrschaft über die Sonderregeln der Fastnachtszeit, er musste auch darauf achten, dass diese sich nicht zu weit von der Norm entfernen. Ganz wie der heutige Schiedsrichter.

Mit Sicherheit ist die kultische Bedeutung bereits seit dem Mittelalter von anderen Interessen überlagert worden. Im Vordergrund stand die Volksbelustigung und der Reiz, einmal im Jahr Dampf abzulassen. Besonders brutal ist es dabei in Derby zugegangen. Ein Franzose, der dieses Spiel Ende des 18. Jahrhunderts beobachtete, meinte, es sei unmöglich, zu sagen, was die Engländer als Kampf bezeichnen würden, wenn sie das hier Spiel nennen.

Das Spiel in Derby, das zwischen zwei Nachbargemeinden ausgetragen wurde, erlangte in England eine derartige Berühmtheit, dass man bis heute bei einem Fußballspiel zwischen zwei benachbarten Klubs von einem Derby spricht. Trotz dieses Ruhms konnte die Obrigkeit diesem Volksvergnügen nie etwas abgewinnen. Aus Furcht, dass gewalttätige Vergnügungen zu Aufruhr führen könnten, war das Fußballspiel seit dem 14. Jahrhundert immer wieder mit Verboten belegt worden. Erfolg hatte man damit erst Mitte des 19. Jahrhunderts. 1847 wurde in Derby der Ausnahmezustand erklärt, das Spiel wurde mit Sondereinheiten von Militär und Polizei unterbunden und fortan nicht mehr zugelassen. Als der Shrovetide Football im Jahr 1860 in Ashbourne verboten wurde, versammelte sich der ganze Ort zum Protest. Das Verbot blieb trotzdem bestehen.

Was heute in Ashbourne praktiziert wird, hat folkloristischen Charakter. 1928 war der Prince of Wales, der spätere Edward der VII., zu Gast, um das Spiel wiederzubeleben. Seit er das Match eröffnet hat, heißt die gezähmte Variante des Spiels Ashbourne Royal Shrovetide Football. Wenn keine höheren Gewalten dazwischenfunken - wie im Jahr 2001, als das Spiel wegen der Maul- und Klauenseuche abgesagt wurde - lockt das wilde Vergnügen alljährlich Tausende Besucher in die kleine Stadt. Auch Deutsche gehören zu den Fans. Lobeshymnen auf das feuchte Vergnügen kann man auf einer deutschen Website nachlesen, ihr Name: " www.nasse-klamotten.de ".

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