Sport : Der Mythos ist in Gefahr

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Stefan Hermanns über eine bange Woche für die Fans des 1. FC Union

Die Anhänger des FußballZweitligisten 1. FC Union haben sich schon immer der besonderen Beziehung zu ihrem Verein gerühmt. Ihrem Klub sind sie auch in schwierigen Zeiten stets treu geblieben, und schwierige Zeiten waren oft. In der Öffentlichkeit ist dadurch das Bild von einer eisernen Gemeinschaft entstanden, einer Gemeinschaft, zu der sich Spieler und Fans, Mannschaft und Anhang dauerhaft zusammengeschlossen haben. Diese ungewöhnliche Verbundenheit ist längst ein Teil des Union-Mythos geworden, doch dieser Mythos gerät nun ernsthaft in Gefahr.

In einer Woche nämlich wird sich entscheiden, ob das Bild vom etwas anderen Verein der Realität standhält, ob der 1. FC Union für die Spieler – wie für seine Fans – wirklich mehr ist als nur ein ganz normaler Arbeitgeber. Oder ob die kickenden Lohnarbeiter nach Karl Marx unter den Grundbedingungen der kapitalistischen Produktion nicht doch frei sind von persönlichen Bindungen an den Klub.

Die Versuchung jedenfalls könnte groß sein für überdurchschnittlich begabte und begehrte Fußballer wie Sreto Ristic, Cristian Fiel oder Ronny Nikol, sich zum Anfang des nächsten Jahres einen neuen Verein zu suchen, anstatt bei Union auf 20 Prozent ihres Gehalts zu verzichten. Die Situation in Köpenick unterscheidet sich damit grundlegend von der in Kaiserslautern, die auf den ersten Blick so ähnlich erscheint. Auch dort sind die Spieler von Gehaltskürzungen bedroht. Der neue Vorstandsvorsitzende René Jäggi hatte den Angestellten in der vergangenen Woche angedroht, er werde die Hälfte ihrer Gehälter einbehalten, sollte die Mannschaft die beiden nächsten Heimspiele nicht gewinnen.

Im Grunde war es ein perfider Schritt des Sanierers René Jäggi, unabhängig davon, ob die Maßnahme im Zweifel einer rechtlichen Überprüfung standhielte. Beim 1. FC Kaiserslautern stehen die Spieler in jedem Fall als Verlierer da: Entweder sie verlieren ihr Geld, oder sie verlieren ihren guten Ruf – wenn sie nämlich der Erpressung der Vereinsführung nachgeben und jetzt tatsächlich die entscheidenden Spiele gewinnen. Ach, schau an, wird es dann heißen, wenn’s den Herren Großverdienern ans Geld geht, dann können sie auf einmal wieder laufen, kämpfen, grätschen.

Bei Union haben die Spieler nicht nur die Chance, als Sieger aus dieser kritischen Situation für den Verein hervorzugehen; sie haben auch die fast einzigartige Möglichkeit, zu Rettern eines von der Insolvenz bedrohten Klubs zu werden, der einer Menge Menschen immer schon eine Menge bedeutet hat. In der heutigen Zeit, in der Profifußballer unter dem Generalverdacht stehen, nur an ihren eigenen Profit zu denken, wäre das auf jeden Fall ein höchst ungewöhnlicher Schritt. Dessen sollten sich die Union-Fans vorsichtshalber bewusst sein.

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