Sport : Der Nachschlag ist sicher

Boxprofi Michalczewski wird wohl aufhören, die Klitschkos gehen nach Amerika – aber Universum wird Europas erfolgreichster Boxstall bleiben

Michael Rosentritt

Berlin. Dariusz Michalczewski hatte genug Schläge bekommen. Nach der achten Runde lief er in die falsche Ringecke. Nach zwölf Runden war er seinen WM-Titel los. Er hatte ihn nach neun Jahren an einen Mexikaner verloren. Für Michalczewskis Promoter Klaus-Peter Kohl war das „der traurigste Tag, den ich im Boxen erlebt habe“. Kohl ist Gründer und Besitzer der Universum Box-Promotion, dem in diesem Jahr vor Michalczewskis Kampf schon einige Titel abhanden gekommen sind. Im März verlor Wladimir Klitschko den WBO-Schwergewichtstitel, drei Monate später unterlag sein Bruder Witali dem WBC-Champion Lennox Lewis. „Bei den Klitschkos hatten wir die Kämpfe, aber nicht die Kämpfer verloren. Bei Dariusz bin ich mir nicht sicher“, sagt Kohl.

Dariusz Michalczewski, den „Tiger“, wird er wohl verlieren. Vergessen wird er ihn nie, nicht den Boxer und schon gar nicht den Menschen. Kohl war es, der den gebürtigen Polen 1991 unter Vertrag nahm, ihn sogar bei sich zu Hause aufnahm. Zu keinem anderen Boxer hat Kohl eine solch emotionale Bindung entwickelt. Michalczewski dankte es ihm mit dem WM-Titel im Halbschwergewicht 1994. Mit jeder erfolgreichen Titelverteidigung wuchsen auch Kohl und sein Stall.

Michalczewski war der Anfang. Der große Durchbruch aber gelang Universum im Herbst 1996, als die Klitschko-Brüder einen Profivertrag unterschrieben. Deren Unterschriften machten aus dem Hinterhof-Gym des Hamburger Stadtteils Wandsbek ein florierendes Geschäft. Heute ist der Boxstall des 59-jährigen Kaufmanns das sportlich und wirtschaftlich erfolgreichste Boxunternehmen Europas.

Derzeit sind bei Universum etwa 30 Boxer unter Vertrag. „Deutschland bleibt das Kerngeschäft, die USA sind ein eigenes Projekt“, sagt Universum-Sprecher Christoph Rybarczyk. Dennoch drängt Kohl mit seinem Unternehmen nach Übersee, auf den wichtigsten Markt. Witali Klitschko wird am 6. Dezember im New Yorker Madison Square Garden boxen. Der Gegner des 32-Jährigen wird der Kanadier Kirk Johnson sein. Mit einem Sieg könnte sich Witali Klitschko für einen Rückkampf gegen den WBC-Weltmeister Lennox Lewis empfehlen. Das erste Duell hatte Klitschko verloren. Nur zwei Wochen nach Witali wird sein Bruder Wladimir gegen den Amerikaner Lamon Brewster boxen.

Für Kohl gibt es keinen Grund zur Sorge. Er muss sich nur im eigenen Gym umsehen, dann sieht er, was im Windschatten Michalczewskis herangewachsen ist. Die Mehrzahl der Boxer ist aussichtsreich in den Weltranglisten platziert. Vielleicht hat der Abgang des Tigers auch etwas Gutes. Denn jetzt ist der Weg frei für Boxer wie Thomas Ulrich. Der Halbschwergewichtler aus Berlin hatte im Mai Altmeister Graciano Rocchigiani in die Rente geschickt. Und vor wenigen Wochen wurde Mittelgewichtler Felix Sturm Weltmeister, obwohl er noch gar nicht dafür vorgesehen war. Der gerade mal 24-Jährige war für Ex-Weltmeister Bert Schenk eingesprungen, der sich wenige Tage vor dem Kampf in Berlin verletzt hatte. Sturm erledigte dessen Job besser als erwartet.

Derweil sind dem amerikanischen Fernsehen längst die Klitschkos aufgefallen. Mit dem Bezahlsender HBO hat Universum einen Vertrag über mehrere Kämpfe der beiden Schwergewichtler. Im Sommer 2002 unterschrieb Kohl einen Fünfjahresvertrag mit dem ZDF. Der öffentlich-rechtliche Sender garantiert Massenpopularität. Das ZDF soll jährlich 20 Millionen Euro zahlen. Universum dankt es mit Quote: Wladimir Klitschkos Kampf im März verfolgten im Schnitt zehn Millionen Menschen. Als Witali im Juni Lennox Lewis unterlag, standen fünf Millionen Deutsche in aller Herrgottsfrühe auf, um live dabei zu sein. Und der letzte Kampf des Tigers vor einer Woche lockte in der Spitze 9,5 Millionen Zuschauer vor den Fernseher. Längst hat das ZDF eingesehen, dass die inoffiziell als „A-Klasse-Boxer“ eingestuften Athleten live vor dem Sportstudio gezeigt werden müssen. Sie ziehen eine zum Teil völlig neue Klientel ins quoten-schwächelnde Sportstudio hinüber.

Ein A-Klasse-Boxer wird jetzt fehlen. Als der Tiger am vergangenen Wochenende verlor, musste Klaus-Peter Kohl mit ansehen, dass sein prominenter Ziehsohn am Ende seiner sportlichen Mittel angekommen ist. „Man kennt das im Boxen. Aus einem 35-Jährigen wird über Nacht ein alter Mann“, sagt Kohls Technischer Leiter Jean Marcel Nartz.

Kohl wird es verkraften. Mit einigen Boxern, die in Athen um olympische Medaillen kämpfen werden, bestehen Vorverträge. Denn: Ein großer Titel bei den Amateuren war immer die beste Eintrittskarte ins Profigeschäft. Witali Klitschko wurde 1995 Militärweltmeister, Wladimir 1996 Olympiasieger. 2004 läuft der Vertrag mit ihnen aus. Schlaflose Nächte bereitet das Kohl nicht. „Wir haben die Nachfolger der Klitschkos schon unter Vertrag“, sagt er und meint damit den gerade mal 21-jährigen Alexander Dimitrenko. Der Zwei-Meter-Mann aus der Ukraine war 2000 Junioren-Weltmeister im Superschwergewicht.

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