Sport : Der Nachwuchs kennt keine Grenze

Das Sechstagerennen hat sich zur gesamtberliner Veranstaltung entwickelt.

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Berlin - Einzig Hertinho ist nicht gekommen. Womöglich ist dem Maskottchen von Fußball-Bundesligist Hertha BSC das Ergebnis vom Vortag auf den Magen geschlagen, genauere Erkenntnisse sind nicht überliefert. Die kostümierten Werbeträger der anderen großen Berliner Vereine sind jedenfalls da, wie Flummis hüpfen Fuchsi, Albatros, Bully von den Eisbären und Charly von den Berlin Volleys am Familientag auf dem Rundkurs im Velodrom herum. Die Szene hat symbolischen Charakter. Das Sechstagerennen ist mittlerweile eine gesamtberliner Veranstaltung. Das war längst nicht immer so.

1997, als das traditionsreiche Rennen nach siebenjähriger Pause zum ersten Mal an der Landsberger Allee ausgetragen wurde, kamen 90 Prozent der Besucher aus dem Osten Berlins oder den neuen Bundesländern. „Wir haben uns natürlich über jeden einzelnen gefreut“, sagt Veranstalter Heinz Seesing. „Allerdings war uns auch klar, dass wir dieser Entwicklung entgegenwirken mussten.“ Das neue Sechstagerennen sollte einerseits die Tradition wahren, zugleich aber auch nicht zu nostalgisch daherkommen – kein leichter Weg. Die Veranstalter gingen ihn dennoch. Heute kommen etwa zwei Drittel der Karteninhaber aus dem Westteil der Stadt – und die Halle ist besser besucht als vor 15 Jahren. „Die Stadt wächst auch seit mehr als 20 Jahren zusammen. Da wäre es ja traurig, wenn das beim Sechstagerennen nicht so wäre“, sagt Seesing und lächelt stolz. „Die Menschen denken doch nicht mehr in Ost und West.“

Gerhard Schramm ist ein Paradebeispiel für diese These. Viele Jahre zählte der Rentner aus Wedding zu den Stammgästen beim Sechstagerennen in der Deutschlandhalle, seit 1997 kommt er nun schon ins Velodrom. „Sechstagerennen und Berlin gehören einfach zusammen – egal, wo gefahren wird“, sagt der 69-Jährige.

Plötzlich ertönt ein Knall – der Startschuss zur Großen Jagd an diesem Sonntagnachmittag. Während die Berliner Robert Bengsch und Marcel Kalz unter tosendem Applaus der Zuschauer attackieren, beugt sich Schramm zu seinem Enkel hinüber, den er zum ersten Mal überhaupt zum Radrennen mitgenommen hat. Warum sich die Fahrer zwischenzeitlich kurz an die Hand fassen, will der Knirps wissen. Gerhard Schramm grinst: „Normalerweise spielt mein Enkel Fußball. Er ist großer Hertha-Fan.“ Ganz offensichtlich hat der Nachwuchs-Fußballer aber auch beim Radsport im Velodrom seinen Spaß. Obwohl Hertinho nicht gekommen ist.Christoph Dach

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