Sport : Der Nachwuchsrüpel

US-Tennisstar Andy Roddick macht sich mit seinem Benehmen nicht nur Freunde

Matthias B. Krause

New York. Sogar die liberale „New York Times“ sah sich gezwungen, dem jungen Mann beizustehen. Antiamerikanismus sei ja ein internationaler Trend, klagte die Kolumnistin der Zeitung, aber was da ein Europäer über den Liebling der Nation, Andy Roddick, losgelassen habe, gehe zu weit.

Der Kroate Ivan Ljubicic hatte es nach seiner dramatischen Niederlage in der zweiten Runde der US Open gewagt, an Roddick Kritik zu üben. „Ich kann ihn nicht leiden“, sagte Ljubicic, „niemand in der Umkleidekabine kann es ausstehen, wie er sich auf dem Platz benimmt. Alle haben vor dem Spiel gesagt: ’Tritt ihn kräftig in den Hintern.’“ Dass daraus nichts wurde, lag nach Ansicht von Ljubicic nicht nur an dem ausgesprochen einseitigen, von Roddick ständig aufgepeitschten Publikum im Arthur-Ashe-Stadion, sondern auch an zweifelhaften Entscheidungen der Linienrichter. So gehe das überall in den USA. Und als wäre das noch nicht genug Majestätsbeleidigung, fügte Ljubicic an: „Er hat Glück, dass 70 Prozent aller großen Tennisturniere in den USA sind. Nur deshalb ist er die Nummer vier in der Welt.“

Starker Tobak. Roddick griff noch in der Nacht zum Telefon, um die Wogen zu glätten. Wenn man sich jedoch so umhört im Kreis der Spieler, gehört der Aufsteiger Roddick in der Tat nicht zu den beliebtesten Kollegen. Tennis ist zwar schon lange nicht mehr der weiße Sport für die feineren Herren und Damen der Gesellschaft, aber das Publikum zwischen den Sätzen abzuklatschen und Gegner und Schiedsrichter mit Gesten einzuschüchtern, das geht vielen doch zu weit. Nicht von ungefähr wird Pöbel-Veteran John McEnroe, mittlerweile geachteter Fernsehkommentator, ständig danach gefragt, ob er in dem 21-Jährigen seinen legitimen Nachfolger sehe. So direkt mochte McEnroe das bislang nicht bestätigen.

Peitschende Vorhand

Auf jeden Fall aber denkt er, dass der junge Mann noch viel zu lernen hat, um wirklich als Nachfolger zu gelten. Als Roddick etwa gegen Ljubicic fünf, sechs Mal kurz hintereinander seinen Tennisschläger mit voller Wucht vor Ärger auf den Boden knallte, kommentierte der TV-Mann nur trocken: „Daran muss er noch arbeiten. Wenn er das immer mit der flachen Seite macht, wird der nie in tausend Teile zerspringen.“ Möglicherweise zerbröselt der Schläger aber bei Roddicks Aufschlag. Mit bis zu 147 Meilen pro Stunde schmettert er den Filzball über das Netz, nur zwei Meilen langsamer als Greg Rusedskis Weltrekord. Lange Zeit war das, zusammen mit seiner peitschenden Vorhand, Roddicks beste Waffe. Kraftvoll, aber einseitig.

Immerhin schaffte er es damit in seinem ersten Profijahr als 18-Jähriger bis zur Nummer eins der Junioren-Weltrangliste. Nach seiner ersten Tour-Saison war er unter den ersten 20 der Weltrangliste, seitdem ist der Rummel um Roddick in Amerika nicht mehr aufzuhalten.

Jetzt fehlt Andy Roddick nur noch der erste große Turniersieg. Anfang des Jahres schied er in Australien im Halbfinale gegen Rainer Schüttler aus, in Wimbledon ebenfalls in der Runde der letzten vier gegen Roger Federer. Seitdem er nach den French Open im Juni den Trainer Brad Gilbert von Andre Agassi abwarb, zeigt der Trend weiter steil nach oben. Und die Turnier-Veranstalter in New York taten ein Übriges, um den Weg zum Traumfinale gegen Agassi freizumachen.

Trotz des vielen Regens gelang es ihnen auf wundersame Weise, den beiden Amerikanern vor dem Beginn der Achtelfinalspiele die meisten Pausen zu verschaffen. Doch Agassi half das nichts. Er schied gestern gegen den Spanier Juan Carlos Ferreo in vier Sätzen aus. Ferreo verdrängte mit diesem Sieg Agassi zudem von der Spitze der Weltrangliste. „Ich bin sehr glücklich, die Nummer eins zu sein. Für diesen Moment habe ich sehr hart gearbeitet. Das werde ich auchweiterhin tun, um Nummer eins zu bleiben“, sagte Ferrero nach der Partie.

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