Sport : Der Nächste, bitte

Nach dem Doping-Skandal: Wie viele Leichtathleten müssen ihre WM-Medaillen abgeben?

Frank Bachner

Berlin. Dwain Chambers saß verkrampft auf einem Barhocker. Scheinwerfer leuchteten ihn aus, Kameras fingen jede Bewegung ein, er war hier der Stargast, präsentiert von seinem Sponsor, für ihn hatten sie eine Bühne aufgebaut in diesem Bürohaus in Paris. Vor ihm saßen diese ganzen Journalisten, und die notierten, wie der britische Starsprinter nuschelte: „Ich will Weltmeister über 100 Meter werden.“

Er wurde dann aber nur Vierter bei der WM in Paris, und sein Auftritt im August vor dem Start wirkt im Nachhinein so, als hätte der 9,87-Sekunden-Läufer schon da gewusst, welche Probleme ihn noch erwarten würden. Denn 100-m-Europameister Dwain Chambers sei in der A-Probe positiv auf das neue Designer-Steroid THG getestet worden, schrieb gestern die Londoner Tageszeitung „The Guardian“. Ein Brite also, bisher wurden nur von US-Athleten positive A-Proben gezogen. Ein Name wurde bislang öffentlich: Kevin Toth, WM-Vierter im Kugelstoßen. Chambers hat bei der WM keine Medaille gewonnen, ihm kann man also nachträglich keine abnehmen. Aber anderen, erfolgreicheren Stars. Der Welt-Leichtathletik-Verband IAAF will nachträglich 400 Proben, die bei der WM genommen wurden, auf THG prüfen.

Und wenn nun THG gefunden wird bei Medaillengewinnern? „Dann wird dem Betroffenen nachträglich die Medaille aberkannt“, sagt Tanja Haug, Justiziarin des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV). „Das Ganze gilt dann als positive Probe.“ Auf die stehen zwei Jahre Sperre sowie Annullierung aller Wettkampfergebnisse seit Abgabe der Probe. Dann schieben sich die nächstfolgenden Athleten auf die Medaillenränge – sofern sie nicht selbst als THG-Konsumenten auffallen. Bei der WM wurden nicht nur alle Medaillengewinner getestet, per Zufallsgenerator wurden weitere Finalteilnehmer zum Dopingtest gebeten. Die USA haben 20 WM-Medaillen gewonnen, und nun steht zu erwarten, dass diverse US-Sieger als Dopingsünder auffliegen.

Am Mittwoch wurde bei einer Razzia die Kundenliste des mutmaßlichen THG-Herstellers Balco sichergestellt, und darauf stehen prominente aktuelle oder frühere Dopingsünder. Linford Christie etwa, 100-m-Olympiasieger von 1992, oder Sprintstar Merlene Ottey und, über ihren Arzt, auch Kelli White, die bei der WM mit dem Stimulanzium Modafinil auffiel. Ob US-Sportgerichte aber wirklich zehn Monate vor Olympia reihenweise Medaillenkandidaten sperren werden, gilt bei Beobachtern als spannende Frage. Juristisch hat die IAAF Möglichkeiten, gegen umstrittene Urteile von nationalen Verbänden vorzugehen. „Der Weltverband kann so einen Fall an sich ziehen und dem Welt-Sportschiedsgericht CAS vorlegen“, sagt Haug. CAS-Richter fällen dann das Urteil.

Jetzt wird weltweit in den Anti-Doping-Labors erstmal auf Hochdruck analysiert. Wilhelm Schänzer, der Leiter des Labors in Köln, will mindestens 400 Proben, die in seinem Labor lagern, nachträglich auf THG untersuchen. Die Welt-Anti-Dopingagentur Wada hat allen vom IOC akkreditierten Labors die entsprechende Testmethode übermittelt. Geklärt werden muss jetzt nur noch ein Punkt. Haug: „Ist die Nachweismethode von THG juristisch so zweifelsfrei korrekt, dass Strafen verhängt werden können?“ Aber davon gehen Beobachter aus, sonst hätten sich die US-Anti-Doping-Agentur und die IAAF mit ihrer Jagd auf THG-Sünder nicht so weit aus dem Fenster gelehnt.

Neben Chambers saß im Übrigen bei dem PR-Termin der US-Olympiasieger Maurice Greene. Er behauptete auch, dass er Weltmeister werde. Gut möglich, dass auch er als THG-Sünder auffliegt. Greenes winziger Trost: Ihm kann man keine WM-Medaillen abnehmen. Er kam nicht mal ins Finale.

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