Sport : Der nächste Widersacher

Etappensieger Winokurow greift den Favoriten Armstrong an

Rainer Guareschil,Hartmut Scherzer

Von Rainer Guareschil

und Hartmut Scherzer

Gap. Lance Armstrong ist dünnhäutig geworden. Schon am Sonntag hatte der Tourfavorit fast alle kritisiert, die bei der Tour de France neben ihm fahren: Konkurrenten und Mannschaftskameraden. „So wie das gelaufen ist, war das nicht gut“, sagte Armstrong über seine Teamkameraden. Und über seine Widersacher äußerte er: „Ich verstehe sie nicht: Wenn sie nicht aufpassen, gewinnt ein anderer die Tour, während sie sich mit mir beschäftigen.“

Zum Beispiel einer wie Alexander Winokurow. Der Kasache fuhr gestern in Gap bereits zum zweiten Mal in Folge deutlich vor Armstrong über die Ziellinie. Diesmal mit 37 Sekunden Vorsprung. Gleichzeitig holte sich der Fahrer des Team Telekom erstmals einen Etappensieg. „Wunderbar, ich kann es noch gar nicht glauben“, sagte Winokurow, „das ist meine vierte Tour, und einen Tagessieg hatte ich mir so lange vorgenommen.“ Zehn Kilometer vor dem Ziel hatte sich der Kasache abgesetzt. Den Angriff am letzten Berg hatte Winokurow nach Absprache mit seinem Sportlichen Leiter Mario Kummer am Morgen geplant. Den Sieg widmete er seinem im März bei Paris – Nizza tödlich verunglückten Freund und Landsmann Andrej Kiwilew. „Seinen Tod habe ich immer noch nicht verkraftet, aber ich weiß, Andrejs Geist fährt mit mir“, sagte Winokurow, „deshalb bin ich doppelt so stark und gewinne immer öfter.“

Im Gesamtklassement hat Winokurow nur noch 21 Sekunden Rückstand auf Armstrong, der weiterhin im Gelben Trikot fährt. Für das Team Telekom kommen die Erfolge des Kasachen gerade rechtzeitig. Sie lassen den Misserfolg der ersten Woche und Santiago Boteros Blamage in den Alpen vergessen. Eigentlich war der Kolumbianer als Mannschaftskapitän im Team Telekom vorgesehen. Inzwischen weiß der stille Winokurow alle Helfer des Team Telekom hinter sich. Er will, das hatte er schon in Paris angekündigt, „mindestens auf das Podium.“

Bereits am Vortag hatte Armstrong erst Iban Mayo und dann Alexander Winokurow ziehen lassen müssen. Zwar durfte sich der US-Amerikaner auf dem Gipfel das Gelbe Trikot überziehen, doch schon wenig später sah er sich unangenehmen Fragen ausgesetzt. Ist es mit der Dominanz des Amerikaners vorbei oder stichelt die Konkurrenz lediglich ein bisschen?

Lance Armstrong wirkt frustriert. Sogar seinen wichtigsten Helfer Roberto Heras kritisiert er. „Ich hatte eigentlich erwartet, dass Roberto das Rennen in der Schlussphase kontrolliert, aber er war am Limit“, sagte Armstrong am Sonntag nach der Ankunft in L’Alpe d’Huez. Zu seiner eigenen Leistung erklärte er am Sonntag: „Ich habe mich nicht wirklich gut gefühlt.“

Die Konkurrenz zeigte sich von seinen Klagen nicht beeindruckt. „Es gibt keine Absprachen gegen ihn“, sagte Winokurow. „Man merkt, dass er nicht so überlegen ist wie früher. Deshalb traut man sich auch, zu attackieren.“ Die französischen Zeitungen glauben, dass der Dauersieger in diesem Jahr angreifbar ist. „Der Aufstand gegen Armstrong hat begonnen“, schrieb die Zeitung „Aujourd’ hui“. Auch „L’Equipe“ erklärt: „Alle sind gegen ihn.“

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