Sport : „Der Narr muss gehen“

Englands Trainer Eriksson droht die Entlassung

Raphael Honigstein[London]

Vor dem Spiel hatte Sven-Göran Eriksson die zunehmend feindselige Presse zu beruhigen versucht. „Wir stehen auf einer Stufe mit Brasilien“, hatte Englands schwedischer Fußball-Nationaltrainer gesagt. Der Vergleich mit dem großen WM-Favoriten war nicht ganz abwegig, vielleicht etwas optimistisch, definitiv aber kam er zu einem schlechten Zeitpunkt. Denn am Morgen danach blickte sein Team auf eine der schlimmsten Pleiten der Länderspielgeschichte zurück. 0:1 unterlagen die stolzen Engländer den Nordiren, gegen die sie seit 1927 nicht mehr verloren hatten. „Daily Mail“ schrieb: „Die peinlichste Niederlage in unserer Fußballgeschichte“.

Es ging in diesem Spiel weniger um Politik als vermutet. Auch viele nordirische Fußballfans sind schließlich Fans der englischen Mannschaft. Weit mehr als die Niederlage im Duell mit ihren Cousins macht den Engländern die WM-Qualifikation zu schaffen. Sie ist nun in Gefahr, die Engländer können sich nur noch durch zwei Siege über Tabellenführer Polen und Österreich aus eigener Kraft auf Platz eins hieven.

Dass das gelingen könnte, danach sah es am Mittwoch nicht aus. Bereits zuvor beim 1:0 in Wales hatte die 4-3-3-Taktik des Trainers Verwirrung ausgelöst. Nun nahm David Beckham in seiner neuen Rolle vor der Abwehr mit ineffektiven Pässen Steven Gerrard und Frank Lampard aus dem Spiel; im Sturm vereinsamte Michael Owen, und Wayne Rooney war als Außenstürmer so frustriert, dass er fast vom Platz geflogen wäre. Nach einer Gelben Karte überhörte der Schiedsrichter seine wüsten Flüche. Sogar Beckham und Ferdinand mussten sich von dem 19-Jährigen beschimpfen lassen. Nach dem Treffer von David Healy verlor Eriksson die Nerven und nahm Shaun-Wright Philips, Gerrard und Lampard zehn Minuten vor dem Ende vom Platz – fortan herrschte Chaos.

„Feuert den Schweden“, riefen die englischen Fans. Und die Zeitungen schlossen sich ihnen an. „Der Narr muss gehen“, schrieb der „Daily Mirror“ und verlangte von dem mit sieben Millionen Euro Jahressalär entlohnten Trainer Geld zurück: „Eriksson muss die 145 000 Pfund, die er in den vergangenen elf Tagen verdient hat, für wohltätige Zwecke spenden. Ihm steht nicht ein Penny zu.“

Schwerer als die mangelnde Spielordnung wiegt für die Engländer, dass die Mannschaft erneut jegliche Einsatzbereitschaft vermissen ließ. Der Ur-Vorwurf an Eriksson – die Spieler hätten vor lauter Taktik und anderem neumodischen Krimskrams die gute alte Kampfmentalität vergessen – hat wieder Konjunktur. Doch Eriksson lässt sich nicht bedrängen. „Ich werde nicht zurücktreten und es im Oktober richten“, sagte er.

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