Sport : Der Nebel von Lyon

In Villeurbanne ahnt Alba Berlin, dass eine weitere freudlose Europaligasaison bevorstehen könnte

Benedikt Voigt

Lyon. Am frühen Donnerstagmorgen schwebte der Bodennebel in Lyon ein. Sanft senkte er sich herab auf den Flughafen Saint Exupéry und zwang die Basketballer von Alba Berlin sich noch länger an einem Ort aufzuhalten, von dem sie am liebsten schnell verschwinden wollten. Doch wegen der schlechten Sichtverhältnisse musste der Abflug um eineinhalb Stunden verschoben werden, und so vertrieben sich die Spieler von Alba Berlin im Flughafenterminal die Zeit. Szymon Szewczyk kaufte im Duty-Free-Shop Rotwein für seine Mutter, John Best setzte dicke Kopfhörer auf, und Marko Pesic verirrte sich auf die Damentoilette. Irgendwann aber saß jeder ruhig in der Abfertigungshalle und bekam Gelegenheit, noch einmal darüber nachzudenken, welch‘ große Chance die Berliner am Abend zuvor ausgelassen hatten.

„Ich glaube nicht, dass wir in der Europaliga auswärts noch einmal gegen eine so schwache Mannschaft antreten werden“, sagte Aufbauspieler Mithat Demirel. Nicht nur der durchschnittliche Gegner hatte für Alba gesprochen. Auch hatte Villeurbanne auf seinen verletzten 2,14 Meter großen Centerspieler Robert Gulyas verzichten müssen. Außerdem hatten die 3400 Basketball-Fans im Astroballe nie das Gefühl verbreitet, den Gästen irgendwie feindlich gesonnen zu sein. „Alles war ideal“, sagt Trainer Emir Mutapcic. Und trotzdem saßen seine Spieler am Ende niedergeschlagen in der Umkleidekabine und schwiegen sich an. Sie ahnten nach dem 89:91 bei Asvel Villeurbanne, dass es eine weitere freudlose Europaligasaison werden könnte. Wenn sie sich nicht bald in der Defensive steigern.

„Die Verteidigung ist unser Hauptproblem in dieser Saison“, sagt Mithat Demirel. In Villeurbanne gelang es den Berlinern nie, Shawnta Rogers zu kontrollieren. Dabei hatte Trainer Mutapcic gesagt, dass der nur 1,61 Meter großen Aufbauspieler der Franzosen kontrolliert werden müsse. „Vorher darüber zu sprechen, ist das eine“, sagt Mutapcic, „es machen, ist das andere.“ Rogers gab beim Aufwärmen ein lustiges Bild ab. In seiner Aufwärmuniform versank er wie ein Zehnjähriger, der sich heimlich an der Garderobe seines Vaters bedient hat. Auf dem Feld aber gab er Ton und Tempo vor. Mit 26 Punkten, darunter ein wichtiger Dreipunktewurf 50 Sekunden vor dem Ende zum 87:80 für Villeurbanne, entschied er das Spiel. „DeJuan Collins und Mithat Demirel hatten Rogers nicht unter Kontrolle“, klagte Mutapcic.

Bereits am kommenden Samstag im Bundesligaspiel gegen Trier (19.30 Uhr, Max-Schmeling-Halle) erhofft sich der Trainer Fortschritte in der neuen Berliner Problemzone. „Wichtig ist, dass wir Konstanz in der Verteidigung finden“, sagte Mutapcic. Im Vergleich zur vergangenen Spielzeit fehlen ihm in dieser Saison zwei exzellente Verteidiger: Quadre Lollis und Henrik Rödl. In John Best und Szymon Szewczyk bekamen sie zwei Spieler, die eher in der Offensive glänzen. So ließ sich der 20-jährige Pole von seinem wendigen Gegenspieler Derek Hood (15 Punkte) ein ums andere Mal verladen. Doch allein daran lag es nicht, dass Alba zwischen der 25. und 35. Minute auseinander brach. „Verteidigung kann jeder, das ist Willenssache“, sagt Mithat Demirel, „jeder muss das tun, was wichtig ist, um Spiele zu gewinnen: Nicht in der Offensive glänzen, sondern verteidigen.“

Nun muss Alba Berlin bereits am kommenden Mittwoch das Heimspiel gegen Slask Wroclaw gewinnen, um nicht schon frühzeitig alle realistischen Chancen auf ein Weiterkommen zu verwirken. Wie stark die restlichen Teams in der Gruppe C sind, zeigt das Ergebnis aus Valencia, wo der letztjährige Europaligafinalist Benetton Treviso mit 64:89 unterging. Und Tau Vitoria verstärkte sich gestern auch noch mit dem ehemaligen Berliner Centerspieler Dejan Koturovic. Trotz dieser schwierigen Aufgaben sagt Marko Pesic: „Jetzt müssen wir diese Niederlage durch einen Auswärtssieg wieder wettmachen.“

Das freilich wäre in Villeurbanne am ehesten möglich gewesen. Zu spät entdeckte Collins, dass er gegen Rogers auch zum Korb ziehen konnte. Viel zu spät traf Mithat Demirel einen Dreipunktewurf, der das Ergebnis knapper gestaltete als das Spiel war. „Ich hoffe, dass wir dieser Niederlage in einiger Zeit nicht nachtrauern werden“, sagte Demirel. Er hatte sich im Flughafen Saint Exupéry in einen Sessel gesetzt, blickte durch die Fensterscheibe und hoffte, dass sich der Nebel irgendwann lichtet.

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