Sport : Der Nervenstarke

Als erster Schweizer gewinnt Roger Federer in Wimbledon

Benedikt Voigt

London. Es ist nicht einfach, Mark Philippoussis eine Nationalität zuzuordnen. Sein Vater ist Grieche, seine Mutter stammt aus Italien, er wuchs in Australien auf und lebt gegenwärtig in den USA. Der 26-Jährige bezeichnet sich selbst als Australier mit starken griechischen Wurzeln. Ein australischer Tennisfan, der gestern während des Wimbledon-Finales gemeinsam mit hunderten von Landsleuten die Tennisanlage an der Church Road bevölkerte, machte sich die Nationalitätenfrage etwas einfacher. Er sagte: „Wenn Philippoussis verliert, ist er Grieche, wenn er gewinnt, Australier.“

So gesehen rückte Philippoussis gestern Nachmittag ein Stück seiner griechischen Identität näher. 6:7, 2:6, 6:7 unterlag der Australier dem überragenden Tennisspieler der letzten zwei Wochen, Roger Federer. „Es ist ein Traum, der wahr geworden ist“, sagte er, „als Junge habe ich gescherzt, dass ich das eines Tages schaffen werde.“ Als erster Schweizer Tennisspieler hat er ein Grand-Slam-Turnier gewonnen. Mit 21 Jahren ist er auf einem guten Wege, zum besten Tennisspieler dieser Tage zu werden. So souverän bestritt er das Turnier. In sieben Matches gab er nur einen einzigen Satz ab.

Im ersten Satz des Finales entwickelte sich ein spannender Kampf zwischen den beiden besten Spielern des Turniers. Die Zuschauer dankten es ihnen, war doch das Damenfinale der Williams-Schwestern am Vortag nicht dramatisch. Anders Federer und Philippoussis, die sich im ersten Satz auf ihren Aufschlag verlassen konnten. Erst der Tiebreak musste entscheiden, doch auch in diesem konnte sich bis zum 5:4 für den Schweizer keiner einen Vorteil erspielen. Dann aber landete Philippoussis’ erster Aufschlag mit lediglich 123 km/h im Aus, rund 100 km/h langsamer als in den Spielen zuvor. Boris Becker, bei der BBC Kommentator, sagte: „Er wird nervös.“ Tatsächlich schlug Philippoussis auch den zweiten Aufschlag ins Aus. Doppelfehler, zwei Satzbälle für Federer. Er nutzte den zweiten.

„Dieser Tiebreak war unglaublich wichtig“, sagte Philippoussis, „wer ihn gewinnt, hatte einen großen Vorteil.“ Von da an dominierte Federer. Im ersten Spiel des zweiten Satzes nahm er Philippoussis sofort den Aufschlag ab. Den zweiten Punkt gewann er mit einem unglaublich präzisen Rückhand-Volley von der Grundlinie aus. Es war das erste Break des Spiels, dem der Schweizer sogleich ein weiteres folgen ließ und den Satz mit 6:2 gewann.

Bereits im Halbfinale hat Federer mit Andy Roddick einen starken Aufschläger bezwungen. Das gelang ihm nun auch bei Mark Philippoussis. Federer servierte 21 Asse, und bei den Returns ahnte er meistens den Service voraus. Dem Australier gelangen lediglich 14 Asse. „Er nimmt ihm mit seinen Returns die Stärke“, sagte Boris Becker, „und was bleibt Philippoussis dann?“

Der junge Schweizer hingegen beeindruckte durch seine Nervenstärke. Vor Wimbledon 2003 war er noch nie in einem Grand-Slam-Turnier übers Viertelfinale hinausgekommen. Als Junior hatte er 1998 in Wimbledon gewonnen, vor zwei Jahren schlug er Pete Sampras im Achtelfinale, schied jedoch anschließend aus. Viele prophezeiten ihm damals eine große Zukunft, doch der Mann aus Basel fiel 2002 durch Unbeständigkeit und Erstrundenniederlagen in Paris und Wimbledon auf. In diesem Jahr aber arbeitete er sich mit vier Turniersiegen auf den fünften Platz der Weltrangliste vor. Von heute an ist er Dritter.

Mit 6:1 führte Federer im Tiebreak des dritten Satzes und hatte fünf Matchbälle. Den dritten konnte er schließlich nutzen. Philippoussis schlug seinen Return ins Netz. Dieser kann nun seine Pläne wahr machen. „Ich fahre zurück nach San Diego – und gehe surfen“, sagte der Australier.

Federer hingegen sank in seiner Hälfte in die Knie. Beim anschließenden Interview auf dem Centre Court brach er in Tränen aus. „Ich wollte eigentlich nicht weinen, aber dann ist es einfach passiert.“ Es war der Moment, in dem er begriff, was er geleistet hatte. Er sagte: „Ich bin mir schon bewusst, dass sich mein Leben ab jetzt ändern wird.“

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