Sport : Der nette Herr de Boer

Hollands Kapitän könnte zur Symbolfigur für eine glücklose Fußballergeneration werden

Stefan Hermanns

Rotterdam. Es gibt Gelegenheiten, die man einfach nutzen muss. Genau zwei Jahre ist es her, dass sich den holländischen Fußball-Nationalspielern eine solche Chance bot. In Portugal war es gewesen. 2:0 hatten die Niederländer dort schon geführt, und bei einem Sieg wären sie so gut wie sicher für die WM 2002 qualifiziert gewesen. Dann aber vergaben sie den Vorsprung in den letzten Minuten noch. Nach der Partie hätten die niederländischen Journalisten also einige Fragen gehabt, doch die Spieler wurden weiträumig abgesperrt. Alle stiegen wortlos in den Bus. Als Letzter kam Frank de Boer, der Kapitän. „Frank!“, riefen die Reporter. De Boer blieb stehen und redete. Sagte, was in der 90. Minute passiert war, als er mit einem blöden Foul den Elfmeter verursacht hatte, der zum 2:2-Endstand führte.

So ist Frank de Boer. „Een aardige jongen“, sagen die Niederländer, ein netter Kerl. Niemand kennt böse Geschichten über ihn, wahrscheinlich, weil es keine gibt. De Boer war zwar 2001 sechs Wochen gesperrt, weil in seinem Körper ein Dopingmittel festgestellt worden war. Aber niemand hält ihn deshalb für einen Dopingsünder. „Die Mehrheit weiß, dass ich nicht bewusst Verbotenes genommen habe“, sagt der Abwehrspieler vom FC Barcelona. „Und glücklicherweise habe ich mir in all den Jahren ein so gutes Image aufgebaut, dass mir die Menschen das auch glauben.“

Der nette Herr de Boer. Vielleicht ist das ein bisschen sein Problem; vielleicht ist der nette Herr de Boer einfach immer ein bisschen zu nett gewesen. Heute, im EM-Qualifikationsspiel gegen Tschechien, bestreitet der 32-Jährige als erster Niederländer überhaupt sein 100. Länderspiel, aber einen Titel hat er mit dem ewigen Favoriten Holland nicht gewonnen. Dreimal (EM 1992, 2000 und WM 1998) scheiterte er mit seinem Team im Halbfinale und jedesmal kam die Entscheidung im Elfmeterschießen.

Es gibt Leute, die schon von einer Obsession sprechen. „Naaaiii", sagt de Boer. „Das ist keine Obsession.“ Aber ein Problem, kein de-Boer-Problem, sondern ein kollektives. „Wir haben eine fantastische Generation“, sagt de Boer. „Aber du musst dir das auch klar machen.“ Vielleicht haben sie nie so recht begriffen, welche große Chance sie eigentlich gehabt haben. De Boer ist Kapitän, aber er ist keine herausragende Führungspersönlichkeit. Niemand ragt heraus, und das ist womöglich das Problem. Clarence Seedorf könnte die Chef-Rolle ausfüllen, aber im Nationaltrikot hat der Mittelfeldspieler vom AC Mailand zuletzt kaum überzeugt. Und Edgar Davids ist nicht kommunikativ genug.

Frank de Boer will nach der EM 2004 seine Karriere im Nationalteam beenden. Das Turnier gilt als letzte Möglichkeit für diese goldene Generation, doch noch einen Titel zu holen. Die Mannschaft, die 2006 bei der WM spielt, könnte schon stärker sein als das gealterte Ajax-Team, das 1995 die Champions League gewonnen hat und 2004 in Portugal versuchen wird, Europameister zu werden.

Als Frank de Boer im September 1990 sein erstes Länderspiel bestritt, hat er noch mit van Basten, Gullit, Koeman und Wouters, den Europameistern von 1988, zusammengespielt. Das jetzige Team aber trägt schon den Keim der Veränderung in sich. Und de Boer könnte von der Symbolfigur einer goldenen Generation zum bedauernswerten Vormann einer Übergangsgeneration werden. De Boer sagt, dass er 50 seiner 99 Länderspiele für einen Titel eintauschen würde. Die vielleicht größte Chance darauf hatte Holland, als es das EM-Halbfinale 2000 gegen Italien im Elfmeterschießen verlor. „Wir haben sie doch an die Wand gespielt“, sagt de Boer. Er und Patrick Kluivert verschossen in der regulären Spielzeit je einen Elfmeter, und beim Elfmeterschießen scheiterte de Boer nochmal. Wochen später noch „habe ich im Auto gesessen und mich verflucht“.

Nach dem Spiel aber hat er natürlich erst mit den Journalisten geredet.

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