Sport : Der neue Deisler

Borussia Mönchengladbach stützt die Hoffnungen im Abstiegskampf auf den 18 Jahre alten Marko Marin

Stefan Hermanns[Mönchengladbach]

Marko Marin musste sich gehörig strecken, aber diese Anstrengung hatte sich Kasey Keller mehr als verdient. Marin betätigte sich als erster Schulterklopfer, nachdem der Torhüter von Borussia Mönchengladbach in der Nachspielzeit den Siegtreffer für Eintracht Frankfurt verhindert hatte. Keller, 37, ist mehr als doppelt so alt wie der 18-jährige Marin, wahrscheinlich auch doppelt so schwer und ungefähr doppelt so groß. Mit 1,70 Meter gibt Marin seine Körpergröße an, aber das entspringt wohl eher einer schöngefärbten Selbstsicht. Wenn der Zwölftklässler im Training neben Kanten wie Bo Svensson oder Marcell Jansen steht, sieht es so aus, als hätte ein Schüler die Teilnahme in einem Preisausschreiben gewonnen. Marko Marin ist längst ausgewachsen, aber es gibt eine Menge Leute, die ihm zutrauen, noch ein ganz Großer zu werden.

„Er ist ein Spieler, der das hat, was wir in Deutschland in den vergangenen Jahren in hohem Maße vermisst haben“, sagt Bernd Stöber, der Marin in der U-16- und U-17-Nationalmannschaft trainiert hat. „In den 20 Jahren beim DFB hatte ich keinen, der so überragend im Dribbling war. Da gibt es keinen Vergleich.“ Drei Minuten stand Marin am Samstag bei seinem Bundesligadebüt auf dem Feld, als er sich ganz geschmeidig an Patrick Ochs vorbeischlängelte. Seine Bewegungsschnelligkeit mit dem Ball am Fuß ist so hoch, dass er die Verteidiger schon hinter sich gelassen hat, während die noch über geeignete Gegenmaßnahmen sinnen.

Jos Luhukay, der Trainer des Tabellenletzten, ließ gegen Frankfurt den 19 Jahre alten Moses Lamidi von Anfang an stürmen, Marin saß zunächst auf der Bank. Es war eine strategische Entscheidung, weil Luhukay einen Spieler in der Hinterhand haben wollte, „der vielleicht noch eine Entscheidung herbeiführen kann“. So kam es auch. Eine Minute vor Schluss verlängerte Federico Insua einen von Marin getretenen Freistoß zum 1:1-Endstand ins Tor. „Der fiel perfekt“, sagte Luhukay. Bis dahin hatte Insua annähernd 20 Ecken und Freistöße mit erschreckender Wirkungslosigkeit vor das Frankfurter Tor getreten. Dass sich kurz vor Schluss ein anderer versuchen durfte, lag auf der Hand; dass es einen 18-Jährigen traf, nicht unbedingt. „Es kam einfach so“, sagte Marin.

Luhukay glaubt nun, neben Insua einen zweiten Spieler zu haben, „der die Nummer zehn spielen kann“. Dabei dürfte Marin, gerade zwei Wochen volljährig, sogar in der nächsten Saison noch A-Jugend spielen. „Ich hätte nicht gedacht, dass er in der Bundesliga schon so früh eine Chance bekommt“, sagt Junioren-Bundestrainer Stöber. Nicht weil er Marin das nicht zugetraut hätte. Er hätte von seinen Kollegen nicht so viel Mut erwartet.

Stöber selbst ist „ein bisschen belächelt worden, weil ich Marko immer dabei behalten habe“. Gegen den Vorbehalt, zu klein zu sein für den großen Fußball, wird Marin auch weiterhin anspielen müssen. „Man traut ihm gar nicht zu, dass er sich gegen Erwachsene durchsetzt“, sagt Stöber. Genau das aber hat er für Gladbachs Amateure in der Regionalliga längst bewiesen. Auch Sebastian Deisler ist einst nur deshalb in der Jugend von Borussia Mönchengladbach gelandet, weil er bei allem offensichtlichen Talent allgemein für zu schmächtig befunden wurde. Als Profi legte Deisler erheblich an Muskeln zu, letztlich aber scheiterte er an seinem Körper. Bernd Stöber glaubt, dass Marin durch das regelmäßige Training mit den Profis insgesamt kompakter werde, exzessives Krafttraining aber würde ihn eher seiner Stärken berauben.

Marin ist der neunte Spieler aus der eigenen Jugend, der in dieser Saison für die Gladbacher in der Bundesliga zum Einsatz gekommen ist. Doch seit Sebastian Deisler wurde kein Debüt mit solchen Heilserwartungen verbunden. Als Deisler im September 1998 in der Bundesliga auftauchte, war er fast ohne eigenes Zutun bereits zur nationalen Hoffung aufgestiegen. Wie Marin spielte auch Deisler mit 18 erstmals in der Bundesliga, der Gegner hieß Eintracht Frankfurt, Deisler wurde in der 63. Minute eingewechselt, genau wie Marin, und kurz vor Schluss gelang den Gladbachern der Ausgleich zum 1:1-Endstand. Am Ende der Saison stieg die Mannschaft aus der Bundesliga ab.

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