Sport : Der neue Geist einer Generation

London ist immer noch inspiriert von 2012 – in Rio wollen die Briten das Erbe ihrer Spiele nutzen.

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Jane Shaw, 15 Jahre alt, trainiert jetzt fast jeden Tag. „Ich will 2016 in Brasilien dabei sein“, sagt die 800-Meter-Läuferin beim Sommerfest ihrer Schule in London. „London 2012 hat mich wirklich inspiriert.“ Die Sportlehrerin an der Internationalen Schule bestätigt das. Sie kenne mehrere Sportbegabte, die seit den Londoner Spielen auf eine Reise nach Rio hofften – ganz im Sinne des Olympiamottos von London: „Inspire a generation“. Wie Jane sind sie vom Ruhm der britischen Sportler fasziniert. Der britische Fahrrad-Fachhändler Halfords etwa meldete Umsatzsteigerungen von 15,5 Prozent in den letzten drei Monaten mit Fahrrädern und Lycra-Hosen für Briten auf den Spuren von Olympiasieger Bradley Wiggins.

Einen neuen Motivationsschub sollen diese Sportbegeisterten von den ersten „Olympischen Jubiläums-Spielen“ vom 26. bis 28 Juli erhalten, wenn 30 Goldmedaillengewinner von London 2012, darunter Usain Bolt, im Olympiastadion erneut zum Wettstreit antreten. Ein paar Tage danach kommt die erste Ausgabe des neuen Radfahrfests „London Ride“. Es gibt Profirennen um den St. James’s Park und ein 100-Meilen-Rennen vom Olympiastadion ins grüne Surrey – erst für Profis, dann für Amateure – die Radversion des Londoner Marathons.

Nicht nur Sportbegeisterte zehren ein Jahr danach immer noch von den Spielen. 84 Prozent von über 1000 vom „Legacy Trust UK“ befragten 16- bis 24-Jährigen, die an den Spielen als Freiwilligenhelfer beteiligt waren, sagten, ihr Leben sei „positiv verändert“ worden. 73 Prozent haben seither neue Projekte in Angriff genommen – sportlich, kulturell oder im Gemeinschaftsleben. Alle wollen, dass das Hochgefühl des Miteinanders nicht verpufft.

Der Kampf um das Erbe von London 2012 begann am 4. August, dem „Super Saturday“, im Olympiastadion. Jessica Ennis hatte gerade Gold im Siebenkampf und Greg Rutherford den Weitsprung gewonnen, Mo Farah bereitete sich auf seine erste Goldmedaille im 10 000–Meter–Lauf vor. Da zog Premier David Cameron Olympiachef Sebastian Coe beiseite und bot ihm einen neuen Job an: dafür zu sorgen, dass von den Londoner Spielen möglichst viel Dauerhaftes bleibt. Coe sagte zu, „weil Cameron es wirklich ernst meinte“.

Nun ist der einstige Herr über den Zehn- Milliarden-Pfund-Olympia-Etat und Tausende von Mitarbeitern „Olympics Legacy Ambassador“ und sitzt mit sieben Mann seiner „Olympic Legacy Unit“ im Zentrum der Macht, im Kabinettsministerium, direkt neben dem Amtssitz des Premiers. Alle zwei Monate trifft sich ein Team von Ministern unter Camerons Vorsitz, um den Prozess voranzutreiben.

Die „Legacy“ Ziele, Teil der ursprünglichen Bewerbung, sind genau definiert: Neben der wirtschaftlichen und sozialen Regeneration des Londoner Ostens, wo die Spiele stattfanden, gehört dazu, dass die Briten überhaupt fitter und sportlicher werden. In den Schulen soll es mehr Leistungssport geben, der Behindertensport soll einen Aufschwung erleben, das freiwillige Bürgerengagement im Sport wachsen. Und nicht zuletzt soll die Sportelite mit Blick auf Rio 2016 gefördert werden. Zehn Jahre dauerten die Vorbereitungen der Spiele seit der Vorbereitung der Bewerbung, erinnert sich Coe. „In zehn Jahren, 2022, werden wir wissen, ob wir das Erbe der Spiele gesichert haben.“ Es ist zu früh also für eine Zwischenbilanz. Aber was Rio 2016 angeht, hat Cameron noch während der Spiele eine Rekordsumme von 347 Millionen Pfund bewilligt, die „UK Sport“ zur Eliteförderung in den aussichtsreichsten Disziplinen einsetzen darf: Das ist gegenüber 2012 eine Steigerung von fünf Prozent, im Behindertensport sogar um 43 Prozent. Großbritannien will das erste Olympialand sein, dass bei den Spielen danach mehr Medaillen gewinnt als in seinem Gastgeberjahr.

Auch in Ostlondon sieht es gut aus, obwohl der Olympische Park wieder hinter Bauzäunen versteckt liegt. Im Frühjahr 2014 erst wird der „Queen Elizabeth Olympic Park“ komplett für seinen nacholympischen Einsatz fertig sein. Bruce Springsteen hat schon beim ersten „Hard Rock Calling“-Festival im Park gespielt, eine Serie weiterer Festivals ist angekündigt. Der „Orbit“, das Wahrzeichen der Spiele, soll der bevorzugte Ort der Londoner zum Heiraten werden. Stratford ist mit dem größten Einkaufszentrum Europas die neue Drehscheibe Ostlondons geworden und das Olympische Dorf wird von katarischen Investoren in Wohnungen umgebaut. Mit dem 300 Millionen Pfund teuren Medienzentren ist die letzte Olympiaeinrichtung erfolgreich verkauft, ein Datenzentrum soll bis zu 7000 Jobs schaffen. Der Fußballverein West Ham United zieht ins Olympiastadion um: „Wir werden eine entscheidende Rolle dabei spielen, die Gemeinden zusammenzubinden, die hier angesiedelt sind“, versprach Klubchefin Karren Brady. Trotzdem bleibt das Stadion auch nach dem Umbau in ein Fußballstadion der Leichtathletik erhalten: 2017 wird dort die Leichtathletik WM stattfinden. Niemand kann also behaupten, London hätte mit seiner Olympia-Infrastruktur einen weißen Elefanten auf die Wiese gesetzt.

Bleibt der Beitrag Olympias zu Sportbegeisterung und Volksgesundheit. Ein Schock war die jüngste, alle sechs Monate durchgeführte „Active People Survey“ des nationalen Sportbundes „Sport England“. Sie ergab, dass in den Wintermonaten die Zahl der über 26-Jährigen, die mindestens 30 Minuten pro Woche aktiv Sport treiben, um 280 000 gefallen ist. Der Vorsitzende Nick Bitel gab sich aber gelassen. Das extrem kalte Frühlingswetter sei schuld. Die Jüngeren hätten trotzdem mehr, nicht weniger Sport getrieben. „Trotz des kalten Wetters halten wir am Wachstumstrend der letzten 18 Monate fest“. 15,3 Millionen Briten treiben Sport, 1,4 Millionen mehr als bei der Olympiabewerbung 2005.

Der politisch umstrittenste Kampfplatz des Olympiaerbes sind die Schulen. Sparzwang, wachsender Notendruck und Lehrplanreformen haben den Schulsport zum Waisenkind gemacht. Seit Jahren verkaufen Kommunen und Schulen schlecht genutzte Sportplätze, um das Kapital besser zu nutzen. Schulminister Michael Gove, der den Schulverwaltungen maximale Freiheit geben will, schiebt selten einen Riegel vor. Erst recht galt Gove bei der Sportlobby als Sündenbock, als er 2011 Förderungen in Höhe von jährlich 163 Millionen Pfund für die „Schulsport- Partnerschaft“ strich – die den Austausch von Sportlehrern und Sportstätten föderte. Den Lehrergewerkschaften und Verbänden zufolge führte dies zu einem weiteren Rückgang des Schulsports. Gove dagegen sagt, das Geld sei nicht wirklich gezielt genug für die Rückkehr des Leistungs- und Teamsports verwendet worden.

Stattdessen hat Gove nun 150 Millionen Pfund für ein neues Programm bewilligt, das direkt an Grundschulen geht: Sie sollen damit zusätzliche Sportaktivitäten von Sportverbänden einkaufen – eine, schimpfen die Lehrergewerkschaften, „Teilprivatisierung des Sportunterrichts“. Sportminister Hugh Robertson sagt: „Wir konzentrieren uns auf Grundschulen, weil wir hier Sport und physische Aktivität am ehesten zu einer lebenslangen Gewohnheit machen können“.

Wurde das Geld nur bewilligt, weil Sebastian Coe im „Legacy Committee“ Krach schlug? Coe warnt immer wieder, dass eine Generation heranwächst, die wegen ihres Bewegungsmangels weniger fit ins Alter geht als ihre Eltern. 2022 werden die Briten sehen, ob Olympia 2012 wirklich dazu führte, dass es weniger Dicke gibt.

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