Sport : Der neue Kiefer

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Halle (Westfalen) (sid). Die Zuschauer jubelten, sie klatschten, und sie meinten es ehrlich. Es war keine dieser Pflichtveranstaltungen, bei denen man höflich klatscht, weil Höflichkeit beim Tennis quasi vorgeschrieben ist. Gellende Pfiffe sind verboten, das ist eine Frage der Etikette. Aber dieses höfliche Klatschen transportiert eigentlich eine andere Botschaft: dass der Respekt vor der Leistung fehlt, weil man keinen Respekt vor dem Sportler hat. Nicolas Kiefer ist solche Reaktionen gewöhnt, die Zuschauer haben oft Probleme mit ihm. Er gilt als arrogant und unnahbar. Aber gestern, beim ATP-Turnier in Halle (Westfalen), gestern war alles ehrlich gemeint. Denn Kiefer hat gestern nicht bloß das Finale des hochkarätig besetzten Turniers erreicht, zum zweiten Mal schon nach 1999. Damals hatte er sogar noch gewonnen. Kiefer hatte gestern den an Nummer zwei gesetzten Schweizer Roger Federer mit einer streckenweise ausgezeichneten Leistung 4:6, 6:4, 6:4 besiegt. Ein Erfolg in Halle ist bedeutsam, denn Halle ist auch die Generalprobe fürs Grand-Slam-Turnier in Wimbledon. Im Finale trifft Kiefer nun auf den Sieger der Partie zwischen dem topgesetzten Olympiasieger Jewgeni Kafelnikow aus Russland und dem Dänen Kenneth Carlsen (Das Spiel war bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht beendet).

„Das ist ein guter Start in die zweite Jahreshälfte, die erste lief ja nicht so gut bei mir. Heute war es sehr eng. Zwei, drei Punkte haben entschieden“, sagte Kiefer, der in Halle „viel Selbstvertrauen getankt hat“. Der 24-Jährige bot den Zuschauern auf dem Centre Court zeitweise eine hervorragende Vorstellung und war über weite Strecken sogar der bessere Spieler. Dennoch musste er den ausgeglichenen ersten Satz, in dem alles nach einem Tiebreak aussah, plötzlich nach einem Break abgeben. Es war Kiefers erster Satzverlust in diesem Turnier. Denn Lars Burgsmüller (Essen), Pete Sampras (USA) und Alexander Popp (Mannheim) hatte er zuvor sehr deutlich besiegt.

Aber Kiefer kam sofort wieder heran, auch das zeichnete ihn aus. Im zweiten Satz nahm er Federer gleich dessen Aufschlag ab. Diesen Vorsprung gab Kiefer nicht mehr ab, und nach gut 60 Minuten Spielzeit hatte Kiefer den 1:1-Ausgleich erzielt. Kiefer blieb dran. Erneut gelang ihm ein schnelles Break, doch dann, quasi ohne Vorwarnung, schien der Faden zu reißen. Denn nun gelangen Federer gleich zwei Breaks, der Schweizer wurde stärker, und kurzzeitig war er dem Finaleinzug näher als Kiefer. Aber Kiefer kämpfte weiter, er erlief sich auch schwierige Bälle und erreichte zwei Breaks. Er lag nun 4:3 in Führung. Jetzt feuerten ihn die Zuschauer noch stärker an, und nach 1:43 Stunden verwandelte Kiefer den ersten Matchball zum Einzug in sein elftes ATP-Finale.

Kiefer reist jetzt selbstbewusst nach Wimbledon, egal wie das Finale ausgeht. Dieses Selbstbewusstsein benötigt er allerdings auch. Denn in Wimbledon hat er es bisher nur ins Viertelfinale geschafft – und das ist auch schon fünf Jahre her.

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