Sport : Der neue Klinsmann

Michael Rosentritt

Offensive – so lautete das zentrale Schlagwort der neuen Denk- und Spielweise, mit der Bundestrainer Jürgen Klinsmann den deutschen Fußball umkrempeln wollte. Knapp 16 Monate später sind von der neuen Denk- und Spielweise nur noch Rudimente erkennbar. Gedacht wird zwar weiterhin nach vorn (Wir wollen Weltmeister werden), aber gespielt wird kontrolliert (Wir wollen am besten ohne Gegentor spielen). Gegen Frankreich musste man zweimal hinsehen, wer da auf der Trainerbank saß. Es war wie zu besten Zeiten unter Rudi Völler – ein System der kontrollierten Offensive.

Klinsmann kann und lässt seine Elf nicht mehr drauflos stürmen. Denn die Öffentlichkeit diskutiert reichlich kontrovers und emotional die Auftritte der Nationalelf. Der Bundestrainer aber braucht für sein Vorhaben eine positive Stimmung im Land. Und die Mannschaft braucht Konstanz – im System und beim Personal. Es fehlt ihr an technischem Geschick, an Raffinesse, einfach an Klasse. Schön, die Mannschaft ist in der Lage, punktuell zu beschleunigen. Und sie hat einen Michael Ballack, dem so ziemlich nichts fehlt. Aber den hatte schon Rudi Völler zu Zeiten des geschwindigkeitslosen Fußballs von vor drei Jahren.

Noch beim Confed-Cup hat es Klinsmann darauf angelegt: Er wollte das Neue erzwingen. Das sah oft spektakulär aus, und begeisterte zuweilen die Menschen. Aber die Spiele danach haben gezeigt, dass die Mannschaft verunsichert war, dass sie nicht so weit ist. Sie spürt, dass der Confed-Cup mit einer Weltmeisterschaft so viel zu tun hat wie der Ligapokal mit der Bundesliga, wie Training mit Wettkampf.

Auch die jetzige Spielergeneration hat eine deutsche Entwicklung durchlaufen. Mit ihren Stärken und Schwächen. Natürlich ist ein 4:3 in aller Regel attraktiver als ein 1:0. Aber sind wir das wirklich? Vor allem aber: Können wir das eigentlich? Sieben Monate vor der WM scheint der Bundestrainer zur Besinnung gekommen zu sein. Eine Einsicht, zu der der frühere Bewegungsstürmer Jürgen Klinsmann schweren Herzens kommt. Und wie steht es mit der Begeisterung, die die deutsche Elf bei der WM benötigt? Eine Fußballweisheit sagt: Der Sturm gewinnt Spiele, die Abwehr gewinnt Meisterschaften. Das ist nicht neu und auch nicht offensiv, weder im Denken noch im Spiel. Aber am Ende ist nichts attraktiver als Erfolg.

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