Sport : Der öffentliche Fußball und seine Feinde

Weshalb das neue Sportverbot vor dem Berliner Reichstag mehr als eine Provinzposse ist

Wolfram Eilenberger

Was für ein Gestoppel und Gehopse! Ein Kabinett ballverliebter Unzulänglichkeiten ist es, bei dem ein grotesker Fehlpass dem anderen folgt. Nein, mit Fußball im eigentlichen Sinne hat das, was sich auch heute auf dem Rasen vor dem Berliner Reichstag abspielen wird, kaum etwas gemein. So genannte Freizeitkicker sind zu bestaunen. Frei gestaffelte, trikotlose Gesellen, die dort, mitten im Zentrum der Entscheidungen, selbstvergessen ihrem Grundrecht auf Dilettantismus nachgehen. Mit dem heutigen, wohl letzten Reichstagskick der bundesrepublikanischen Geschichte stirbt eine jahrzehntelange Berliner Tradition. Städtische Bürokraten nämlich haben den Reichstagsrasen zur geschützten Grünfläche erklärt und die sportliche Nutzung des öffentlichen Areals unter Strafe gestellt. Saftige 50 Euro Bußgeld drohen seither bei Zuwiderhandlung. Und am heutigen Sonntag, so die offizielle Ankündigung, wird das Verbot erstmals exekutiert; das heißt, das Geld wird gewaltsam eingetrieben.

Mit dem kleinlichen Erlass verliert Berlin, davon jedenfalls ist die breite Protestfront der Aktiven überzeugt, nicht nur ein Stück urbaner Lebensqualität, sondern vor allem auch ein strahlkräftiges Symbol der Offenheit und Bürgernähe. Der metropolenfremde und taktfreie Verbotsspruch des Grünflächenamtes Berlin-Mitte führt dabei direkt ins Herz einer der großen politischen Fragen unserer Zeit, der nach dem eigentlichen Wert des Fußballs für eine offene, demokratische Gesellschaft.

Bis 2006 wird sie dem deutschen Volke in jedem Fall zugemutet bleiben, die gnadenlos fortschreitende Mobilisierung der Metapher Fußball. Tatsächlich scheint der Fußball zur totalen Metapher, zu einer Art explikativem Universalschlüssel geworden. Ob in Politik, Wirtschaft oder Kultur, die Terminologie der Profitreter dominiert den öffentlichen Diskurs. Das kritische Empfinden, Teil eines riskanten und zunehmend unüberschaubaren Zusammenhanges zu sein, sucht in den Begrifflichkeiten des Fußballs eine letzte Orientierung. Zurück „in die Champions-League“ soll unser Land geführt werden. Allenthalben wähnt man sich im „Abstiegskampf“ oder „ins Abseits gestellt“, „Steilvorlagen“ werden geliefert, „Mauertaktik“ beklagt, „Karten“ gezeigt. Und wer über die neue weltpolitische Rolle der USA aufklären will, erzielt mit einem Verweis auf das aktuelle Selbstverständnis des FC Bayern München anschauliche Effekte.

Ungeachtet dieses sprachlichen Gleichsetzungsdranges lässt sich die Frage, was ein demokratisch ausgerichtetes Gemeinwesen vom gewinnorientierten Vereinsfußball zu lernen hätte, mit zwei Worten klären: gar nichts! Entgegen einem fleißig erzeugten Eindruck bleiben die Funktionsweisen von erfolgreichem Profifußball und offener Gesellschaft einander wesensfremd. Weder im ästhetischen Bereich – wie er derzeit von einer Künstlerkolonie in Madrid verkörpert wird – noch in den vor unseren Augen ungut verschmelzenden Bereichen von freiem Unternehmertum und moderner Kriegsführung nämlich besteht Bedarf an demokratischen Strukturen. Ein erfolgreicher Fußballverein aber ist genau das: ein kreatives Ensemble, ein agiles Unternehmen, eine spurende Armee – im Idealfall all dies zugleich. Die Wahrheit des Fußballs liegt damit nicht im Diskurs, sondern in der Arena. Demokratische Tugenden werden dort weder benötigt noch vermisst. Diese Tatsache spricht natürlich keineswegs gegen den Fußball als Passion, sehr wohl aber gegen den Fußball als politische Metapher und rhetorisches Mittel.

Doch vergessen wir nicht die munter dilettierenden Stoppelhopser direkt vor unserem Parlament. Während das öffentliche Anbiederungsbedürfnis der Politik an das System Profifußball grenzenlos scheint, steht das bislang unwidersprochene Fußballverbot vor dem Reichstag beispielhaft für eine fortschreitende Nutzungsbeschränkung des öffentlichen Raumes, also eine systematische Verknappung eben jener Flächen und Stätten unkontrollierten Begegnens, auf die eine offene Gesellschaft unbedingt angewiesen bleibt.

Was sich unter den Strahlen der gläsernen Volkskuppel auch heute und leider wohl zum letzten Male abspielen wird, sind ja nichts anderes als Urszenen der spontanen, gemeinschaftsbildenden Selbstorganisation freier Spieler. Ganz ohne institutionelles Gerüst, dafür aber geleitet von einem flexiblen und kerngesunden Pragmatismus, entwickeln sich dort, Sonntag für Sonntag, sportliche Begegnungen, bei denen nicht das angestrebte Resultat, sondern allein der Erhalt des Aktivitätsflusses selbst handlungsleitend wirkt. Und alles natürlich, ohne dass die Beteiligten dabei ihre Entscheidungssouveränität an einen Trainer oder Schiedsrichter abtreten müssten und ohne eine strenge Grenzziehung zwischen sich und den Zuschauern anzustreben. Läge der Politik ernsthaft an den demokratiestützenden Aspekten des Fußballspieles, direkt vor dem Reichstag, wären sie noch heute – und zwar verlockend medienwirksam – zu wahren.

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